Über Herausforderungen und Abgrenzung

Kannst Du Dich eine Woche nur von Vorräten ernähren? Sieben Tage lang nur von dem, was Du in Deinen (Kühl)Schränken findest – so lange der Vorrat reicht? Ohne vorher einzukaufen, so ganz spontan?

Die August-Challenge auf dem Blog Minima Muse klang mir wie auf den Leib geschneidert. Kreativen Konsumverzicht im kollektiven Selbstversuch, da mache ich mit. Das Hamstergen habe ich von meiner Familie mitbekommen, der Gefrierschrank müsste mal abgetaut werden, und den Küchenschränken will ich schon länger auf den Grund gehen. Und sicherlich kann ich mehr als eine Woche von dem leben, was wir zu Hause haben.

Doch schnell regte sich der Widerstand: Mr Handsome könnte ich nicht in meinen Plan einweihen; wenn er weiss, dass wir etwas aufbrauchen müssen, z.B. weil wir in die Ferien fahren, isst er nur die halbe Portion. Miss Bee braucht, denke ich, frisches Obst und Gemüse. Vielleicht könnte ich Donnerstags, direkt nach dem Wochenmarktbesuch mit der Challenge beginnen? Doch das ganze soll ja spontan sein, ohne vorherigen Großeinkauf. Aber ich habe ich jetzt schon verpflichtet (per Kommentar unter dem Blogpost). Außerdem: wir können alle diese Challenge aushalten, schließlich überleben Millionen von Menschen auf unserem Planeten auch ohne Erdbeeren und Hafermilch. Wir könnten uns mal ein paar Tage quälen.

Ich muss nicht jede Challenge mitmachen

Quälen? Nach zwei Tagen gestand ich mir ein: Ich will nicht mitmachen. Die Idee ist so gut – kreativ werden, mit dem, was ich zur Hand habe, mich nicht mit Konsum als Lösung für ein Problem (=Appetit) abgeben, lernen aus den Erfahrungen der Anderen. Aber sie ist nichts für mich.
Ich will – in diesem Lebensbereich, beim Essen – nicht verzichten. Nicht auf Kirschen und Brombeeren, nicht auf Eier, und auch nicht auf die Möglichkeit, aus dem Laden ums Eck Nudeln und Tomatensoße zu holen, wenn wir bei schönem Wetter zu lange auf dem Spielplatz waren, um ein Abendessen selbst zu zubereiten. Ich mag, wie wir uns ernähren und für mich ist der Abwechslungsreichtum auf dem Esstisch ein täglicher Luxus, den ich mir und meiner Familie gönnen kann und will. Die Challenge gab ich auf, bevor ich begann.

Abgrenzung und Herausforderung

In den vergangenen Monaten las ich mich immer wieder zu Themen wie nachhaltiger leben, Zero Waste, Veganismus, plastikfrei. Es gibt so viele inspirierende Blogs, Anleitungen und Erfahrungsberichte. Doch nach mehreren Stunden vor dem Internet fühlte ich mich erschöpft und verwirrt – durch die Optionen und all dem, was ich zu einem „richtigen Leben“, im Sinne von verantwortungsbewusst, noch alles verändern müsste. Dabei möchte ich doch gelassen bleiben. Mein Leben vereinfachen, weil ich weniger Zeit mit Aufräumen und Organisieren, Grübeln und ziellosem Internetsufen verplempern will, um mehr Zeit für „das Wesentliche“ zu haben (und um heraus zu finden, was „das Wesentliche“ eigentlich genau ist).

Im Moment gehört Zero Waste für mich nicht zum Wesentlichen dazu, so bewundernswert ich das auch finde. Und im Moment will ich lieber 10x am Tag meiner Tochter „Ich bin die kleine Katze“ vorlesen statt selbst Joghurt zu machen.

Den Prozess geniessen statt Druck und Perfektionismus

Ich muss mich abgrenzen, innerlich Nein sagen, und (schwieriger) das auch ok finden. Mir ein gestehen, dass ich diese Dinge toll finde, aber jetzt gerade nicht verwirklichen kann/will.
Andererseits: Vereinfachen ist ein Prozess. Was gestern absurd erschien kann heute schon spannend klingen und übermorgen versuchsweise ins tägliche Leben integriert werden. Als ich das erste Mal von plastikfrei hörte war ich fassungslos, weil das so absurd arbeitsaufwändig klang. Doch nun verschwindet das Plastik nach und nach aus unseren Küchenschränken. Weckgläsern aus Charity Shops ersetzen Plastikgefefäße und Verpackungen, ein paar Neuanschaffungen die BPA-Brotdosen. Ohne Stress, ohne Druck. Und vielleicht finde ich Joghurt selbst machen oder Vorräte aufbrauchen irgendwann annehmbarer. Vielleicht, wenn Miss Bee lieber selbst und allein liest als mit mir.

Wenn ich mir das Label „Minimalistin“ gebe, welchen Kriterien muss ich dann genügen? Ist Minimalismus ein Lebensstil, oder ein Werkzeug? Die „Regeln“ für mein Leben möchte ich selbst aufstellen. Heißt dass, dass ich nie wieder eine Challenge mitmachen kann, die jemand Anderes ausruft – obwohl so ein kollektiver Selbstversuch doch eine gute Möglichkeit ist, gemeinsam zu lernen?

Sinn einer Challenge ist es nicht, sich den Regeln Anderer zu unterwerfen, um soziale Anerkennung zu erfahren. Sondern sich zum Nachdenken, Nachahmen, Ausprobieren anregen zu lassen. Was passt für mich? Was möchte ich ausprobieren? Worüber möchte ich die Erfahrungen anderer lesen, sie aber selbst nicht machen? Was passt gerade nicht in mein Leben?

Am vergangenen Mittwoch sah ich, geküsst von der Minima Muse, unsere Küchenschränke durch: Was steht schon eine Weile im Schrank, was ist fast leer und könnte sich gut auf brauchen lassen? Am nächsten Tag genoss ich den Besuch auf dem Markt, im August ein Traum aus Beerenobst und sonnengereiften Tomaten. Kleinigkeiten aus dem Supermarkt ergänzten die Einkaufsliste. Meine Küchenschränke leeren im August, dank der Challenge-Inspiration, aber langsamer, und nach meinen eigenen Regeln.

12 Kommentare

  1. Hallo Dina,

    für Minimalismus gibt es nur eine Regel: Es soll ins eigene Leben passen, damit du dich gut damit fühlst. Ab wann stresst Minimalismus? Darüber denke ich auch viel nach. Sobald es maximalistischen Aufwand bedeutet? Ich lag gestern auf dem Sofa, hörte Musik mit Kopfhörern in Endlosschleife und überlegte, würde dich Joghurt machen jetzt glücklicher stimmen? Nö! Auswandern? Auf keinen Fall. Da ist genauso Alltag irgendwann. Nur ist er da noch anstrengender. Warum soll ich überhaupt ständig ein anderes Leben wollen und irgendwas selbst machen? Finde ich toll an Anderen. Ich bin aber ich und bleibe lieber auf dem Sofa. Ist es nicht da am schönsten, wo ich bin? Hab dann beschlossen, ich hänge mal 2 Lampen auf. Dann ist meine Wohnung wieder top und ich seh im Herbst was, wenn’s früh dunkel wird. Ist nachhaltiger als Joghurt machen und minimalistischer als Auswandern. .

    Liebe Grüße
    Tanja

    • Hi Tanja,
      ich probiere gern mal was Neues aus und mag es auch, Dinge zu verändern. Gleichzeitig haben wir alle nur eine begrenzt Zeit/Energie zur Verfügung. Dir ist klar, womit Du diese verbringen willst, ich finde es (immer wieder neu) heraus. Auf dem Sofa Musik hören klingt übrigens toll, das sollte ich mal probieren.

  2. Dein Gedankenchaos ist wirklich richtig gut spürbar in diesem Beitrag!

    Weißt Du was viele übersehen, wenn sie einen Blogbeitrag lesen? Wie lange jemand „das“ schon macht und wieviel vorher schon passiert ist.

    Nichts geht von heute auf morgen und schon gar nicht mit Druck.

    Du beschreibst es mit dem Plastik doch wunderschön – langsam in Deinem Tempo verändert sich Dein Leben. Genau so sollte es sein, das ist dann nämlich auch eine nachhaltige sprich anhaltende Veränderung.

    Wenn Du Dich selbst überforderst, dann gibst Du nur vorschnell auf.

    Ich kann Dich nur ermutigen, Deinen eigenen Weg zu suchen und Dich von anderen zwar inspirieren lassen aber nicht nach deren Vorgaben zu leben.

    lg
    Maria

    • Ha – Danke für den Zuspruch. Ich hoffe, mit „Gedankenchaos wirklich gut spürbar“ meinst Du nicht, dass unlesbar war sondern das er ein Gefühl gut transportiert 🙂

      • Hallo Dina!

        Ja letzteres habe ich gemeint! Es ist nicht immer leicht Gefühle in Worte zu packen, dass es den Leser auch wirklich so erreicht.

        lg
        Maria

  3. Ein wunderbarer Beitrag. Für jede/n sieht Minimalismus ein Stück anders aus. Erst recht, wenn man bzw. frau nicht alleine wohnt. Da gilt es, die Bedürfnisse aller unter einen Hut zu bringen – und ggf. die eigenen Ansprüche an Minimalismus zu minimalisieren. Wenn der Minimalismus anfängt maximal Stress zu machen, läuft was schief. Vieles lässt sich trotzdem umsetzen, die vielen Tipps, Anregungen die auf diversen Blogs zu finden sind, finde ich wunderbar – aber es muss ins eigene Leben reinpassen, mitunter ist ein anderes Maß oder ein anderes Tempo erforderlich. Das ist hier wirklich sehr schön beschrieben.

    • Danke, Gabi – „die Bedürfnisse aller unter einen Hut zu bringen“, genau. Ich will nicht zu sehr über das Leben meiner „Mitbewohner“ bestimmen. Glücklicherweise kann ich die meisten Dinge ja erstmal an mir selbst ausprobieren.

  4. Mir ging es beim Lesen wie Maria: Ich konnte deine Gedanken und Gefühle richtig spüren! Und Vieles kommt mir bekannt vor… Simplify your life – aber ohne es dabei komplizierter zu machen, äusserlich und innerlich. Ganz gut gefällt mir, dass du das Jogurtmachen aufschiebst zugunsten des Vorlesens. Ich würde die gleiche Priorität setzen :-)!
    lg und gern lese ich dir weiter zu, wie du dir Gedanken machst zum Thema Minimalismus, Mirjam

    • Bei dem Priorisieren helfen mir auch Blogs wie Deiner. Du schriebst neulich über diese gewisse Wehmut bei einem Einkauf ohne Kind – das bestärkt mich auch darin, der Zeit mit Kind dem Vorzug gegenüber anderen Dingen zu geben.

  5. Hallo Dina,
    ich habe auch nicht so richtig mit Challenges. Es stresst mich zu leicht selbst. Das mit den Vorräten finde ich eine ganz tolle Idee, aber ich versuch das auch eher so nebenbei zu machen. Habe auch schon einiges reduziert – wir hatten mehrere Sorten Pasta und Spätzle, die mittlerweile verbraucht sind. Schwerer fällt es mir mit Sachen, die ich nicht häufig esse. Die bleiben hängen. So richtig weiß ich noch nicht, was ich damit mache. Geschlossene Packungen werde ich vermutlich über foodsharing verschenken.

    Minimalismus bedeutet für mich reduzieren auf das, was für mich das Wesentliche ist. So und für mich gehört da z.B. nur wenig DIY rein. Ich überlege momentan immer: Will ich wirklich stricken? Ich denke immer, nähen lernen, wäre auch nicht schlecht… Aber habe ich wirklich, wirklich, wirklich Lust dazu? Momentan nöööö…

    Und das ganze Reduzieren frisst echt Zeit, deswegen ist das Nichtkaufen für mich mittlerweile unglaublich wichtig geworden. Das bloß nicht wieder so viel Kram hereinkommt.
    lg Nanne

    • Diese Frage nach dem „Lust haben“ ist immer so spannend. Strickzeug liegt hier ja auch noch rum und mit Nadel und Faden die Ambition, aber nie so stark, dass sie auch zur Handlung wird. Irgendwann bin ich hoffentlich ehrlich genug um diese Dinge weg zu geben und mich auf Kochen, Yoga, Lesen und Bloggen zu verlegen – und das auch ok zu finden.

  6. Pingback: Ab heute lebe ich nur von meinen Vorräten… #7TageChallenge | Minima Muse

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