Einfach mal abschalten? Bericht eines Selbstversuchs

Abschalten ist eigentlich ganz einfach. Man fahre für eine Woche an einen abgelegenen, wunderschönen Ort ohne Internetanschluß. Dank „Analog-Handy“ ist frau von der Internetwelt vollkommen abgeschnitten. Stattdessen bummelt frau allmorgentlich zum Bäcker, geniesst ein ausgedehntes Frühstück, mittellange Wanderungen durch die Schweizer Bergwelt, und Abende auf der Terrasse mit dem Liebsten bei einem Glas Wein.

Zu Hause allerdings ist es mir verdammt schwer gefallen, abzuschalten und mich an meine eigenen Regeln zu halten. Im Vergleich zu einen „regellosen“ Vorhaben, weniger im Netz zu sein, habe ich zwar Fortschritte gemacht doch mein „Wunschzustand“ sieht anders aus (mit Kamin. Und Buch. Und warmem Tee. Und so.)

Einfach mal abschalten?
Anfang des Monats hatte ich mir vorgenommen, einfach mal abzuschalten, das Internet Internet sein zu lassen, um zu mehr innerer Ruhe und Kreaktivität zu finden, statt ziellos Inhalte online zu konsumieren.

Bewusstes Beobachten meines Medienverhaltens: Ich setze mich oft in der Mittagspause, wenn Miss Bee schläft vor den PC, um „kurz“ ein wenig im Netz zu lesen und mich zu „entspannen“. Abends ist es ähnlich. Aus „kurz“ wird in der Regel eine ganze Stunde oder mehr, bis die Kleine wieder aufwacht bzw. mich mein Vorhaben „ausreichend Schlaf“ vom PC weg zerrt. Die Eieruhr auf 20-30 Minuten zu stellen hat, um mehr Zeit für andere Dinge zu lassen, hat noch nichts bewirkt. Wahrscheinlich wird es ein Internet-Block-Programm die Funktion der Selbstkontrolle übernehmen müssen.
Ich habe auch gemerkt, dass Social Media bei mir im Vergleich zum Rumsurfen kein riesiger Zeitfresser ist. Twitter (in Kombination mit hootsuite zur Ordnung und besseren Lesbarkeit) gefällt mir erstaunlich gut – anders als bei facebook habe ich nicht das Gefühl, Alles lesen zu müssen, sondern kann ein- und ab- und wieder auftauchen.

Inbox Zero: Das Vorhaben, nur einmal am Tag meine Emails zu checken war sicherlich zu ambitioniert. Doch mittlerweile schaue ich nicht mehr gleich morgens in die Inbox und mehr als 10 Emails tummeln sich nie in der Inbox. Ein Anfang. Gmail trennt ja private von allen möglichen WerbeMails, Newslettern und Benachrichtigungen, was es sehr viel einfacher macht, solche, die keine Reaktion erfordern, zu löschen. Viele Newsletter habe ich abbestellt und meinen Feed Reader aufgeräumt. Beides hätte aggressiver sein können, doch ich nehme an, dass es hier so ist wie beim physischen Entrümpeln. Ein Prozess, bei dem sich meine Wahrnehmung dessen, was wirklich wichtig, ist mit der Zeit schärft.

Digitale Diät: Eine Woche lang offline zu sein hat mir wirklich weiter geholfen und die Motivation, einen Tag in der Woche ganz offline zu bleiben, ist immer noch da (auch, wenn dies im vergangen Monat nicht jede Woche geklappt hat). Ich fand es schön, wieder mehr offline zu lesen, zu schreiben und zu entdecken. Die Lektüre von „The Shallows“ führte zu mehr Erkenntnissen darüber, warum es so leicht ist, sich vom Netz verführen zu lassen und was die Netznutzung mit uns macht (mehr dazu nächste Woche).

Blank Slate: die Idee, mich ganz aus dem Internet zu verabschieden, ist mir immer noch zu drastisch. Allerdings kann ich Social Media Kanäle gut ignorieren. Meinen facebook Account habe ich aufgeräumt, und die Einstellungen so vorgenommen, dass ich nicht ständig lesen muss, was eine entfernte Bekannte meines Cousins zum Frühstück isst. Ab und zu bin ich versucht, meinen Konto ganz zu schließen, zumal meine guten Freunde dort ohnehin wenig posten.

Mein Fazit:

  • Abschalten wird ein Thema für mich bleiben. Auch, wenn ich noch immer weit von einem Idealzustand entfernt bin, war das bewusste Beobachten ein guter Anfang – im nächsten Monat werde ich es auf Tanjas Vorschlag hin auch schriftlich festhalten, womit ich meine Zeit verbracht habe.
  • Es braucht manchmal eine große Menge Frustration mit mir selbst, bevor ich zu einer Veränderung bereit bin. Oder ein drastisches Ereignis.
  • Was will ich eigentlich statt dessen? „Weniger“ zu wollen hilft mir nur begrenzt. Wovon möchte ich „Mehr“ und bin deswegen bereit zu verzichten? Wie will ich die dem Internet mühsam abgezwungene Zeit eigentlich verbringen? Backen? Musik hören? Meditieren? Fingernägel kauen?

P.S. An dieser Stelle einmal vielen Dank, dass Ihr meine Beiträge lest. Ich freue mich über jede/n stille/n LeserIn und über jeden Kommentar. Und darüber, dass Ihr wenige Minuten Eurer kostbaren Zeit auf liebevoller leben verbringt.

 

 

17 Kommentare

  1. Erst gestern Abend habe ich mich wieder gefragt, ob es denn nötig all die viele Twitter-, Facebook-, Instagram- und Blogbeiträge zu lesen. Auf der einern Seite macht es ja Spaß, auf der anderen geht sehr viel Zeit jeden Tag dafür drauf.
    Abschalten ist eine Möglichkeit, die aber für mich das Problem nicht löst: Denn wenn ich alles wieder anschalte, dann warten alle Beiträge seit dem Abschalten auf mich. Diese Überforderung ist dann doch weitaus großer, als nur mal jeden Tag ne halbe Stunde alles z konsumieren.
    Die Lösung? Ich weiß es nicht. Zumindest sollte man die Zahl der Kanäle und der Beiträge, die in die verschiedenen Timelines fließen, gering halten. Auch mal jemanden auf Twitter entflogen oder die Beiträge auf Facebook nicht mehr abbonieren. Das schöne: Man bekommt gar nicht mit, was man verpasst…

    • Bei meinem ersten Versuch ging es mir auch so – eine Woche offline, danach stürzte ich mich auf feed reader und facebook und holte das Verpasste nach. Diesmal habe ich zum Einen vorher Beides „entrümpelt“ und zum Anderen (größtenteils) einfach ignoriert, was in der Zwischenzeit passiert war. Es mag drastisch klingen, doch beim Abschalten ging es mir eher darum, mich noch einmal zu versichern, dass die Welt nicht untergeht, wenn ich nicht alles mitbekommen, was im Bloggiversum passiert.
      Und schon spannend, wie unterschiedlich die Wahrnehumung ist – mit einer halben Stunden Internetkonsum könnte ich zum Beispiel gut leben, bei mir sind es tatsächlich eher 1,5 bis 2 Stunden.

  2. Ich lese sehr gerne deine Worte (und gucke mir ebenfalls gerne solche Fotos wie oben an). Gibt es solche „Selbstkontrolle“-Programme den wirklich? Ich bräuchte langsam auch eins. Je mehr schöne Blogs ich kennen lerne, desto mehr versinke ich im Internet. Gerade wenn ich müde bin, fällt es mir schwer, den PC auszumachen und mich aufzuraffen, ins Bett zu gehen.
    Mir hilft der internetfreie Garten, dort brauch ich das alles nicht.

    Und Daniel hat Recht. Wenn man ne Auszeit nimmt, passiert trotzdem so viel. Das regelmäßige Löschen bei z.B. bloglovin finde ich wichtig.
    lg Nanne

    • Danke :-). Abschalten bei Müdigkeit fällt mir auch schwer. Abends gibt es generell ein Zeitlimit (21 Uhr), dass ich in der Regel nicht mehr als 15 Minuten überschreite. Das hilft, zumindest ausreichend Schlaf zu bekommen. Und ja, solche Programme gibt’s wirklich. Ich probiere Eines und schreibe Dir, ob es funktioniert.

      • Ja, ich bin gespannt, obs funktioniert. Ich hatte das Zeitlimit auch mal – führe es wieder ein. Aber das hilft noch nicht am Wochenende und irgendwie stelle ich mich auch der grundsätzlichen Frage: Was will ich alles lesen? Es gibt so viele gute Sachen.
        lg Nanne

  3. Ich bin auch gerade dabei meine Internetzeiten anders zu organisieren. Derzeit läuft ein Versuch, der sich ganz gut anlässt. Ich schaffe es noch nicht konsequent, weil sich manchmal was anderes ergibt, aber wenn ich es schaffe, dann bin ich sehr zufrieden.

    Sobald die Lösung wirklich Hand und Fuß hat, werde ich mal darüber bloggen, habe ich mir gedacht.

    lg
    Maria

  4. Tja, ich habe leider auf Facebook noch viel Kontakt zu mir wichtigen Menschen, und ich mag es dort dann schnell mal mit ihnen zu schreiben oder ihre Neuigkeiten zu lesen. Allerdings verliere ich mich auch gerne mal im Internet. Doch zur Zeit ist das okay für mich. Nach der Arbeit habe ich nicht wirklich mehr viel Energie um kreativ zu sein oder andere Dinge zu machen. Das ist mein „vor-dem-fernseher-hängen“, ich habe nämlich keinen Anschluß.
    Momentan vermute ich daß es anders aussehen würde wenn ich diese Arbeit nicht mehr hätte und mehr Energie hätte. Aber bisher konnte ich es noch nicht testen 😉

    • Wenn es zur Zeit ok für Dich ist passt doch alles. Ich ärgere mich halt schon so lange darüber, dass ich so viel Zeit versurfe. Ich empfinde diese Zeit nicht wirklich als entspannend, sondern fühle mich nachher ausgelaugt. Deswegen ist es mir so wichtig, etwas daran zu ändern.

  5. Liebe Dina,
    Wie so oft finde ich mich bei dir wieder. Ich bin so oft meines internetverhaltens überdrüssig und doch zu Hause fällt es mir schwer meine Vorsätze einzuhalten. Im urlaub hat’s auch gut geklappt und als ich heim gekommen bin war sofort das alte Verhalten wieder da… Bin gespannt wie es ( bei dir und mir) so weiter geht.

    • Bei mir hat es im letzten Urlaub tatsächlich ein Stück weit *klick* gemacht – aber ob die Verhaltensänderung anhält weiß ich natürlich auch noch nicht. Ich merke, dass es ganz dringend einer attraktiven Alternative bedarf – was mache ich statt dessen (für mich)? Hausarbeit ist nicht das Richtige 😉

  6. Bin auch zu viel online. 🙁 Hab gelesen, das sei eine Verhaltensstörung. Nur: Was ist denn attraktiver? Und wie kommt das in mein Leben? Oder ich zu ihm?

    • Hi Tanja, ich glaube nicht, dass es eine Verhaltensstörung ist sondern heute ziemlich „normal“. Das Internet kommt in vieler Hinsicht unserem instintiveren Verhalten entgegen als zum Beispiel eine konzentrierte andere Tätigkeit (Buch lesen oder in Deinem Fall vielleicht Musik lauschen). DIese Frage, was attraktiver ist, stelle ich mir auch. Ich brauche eine Alternative, um vom Netz weg zu kommen. Merke dann aber auch, dass ich mich besser fühle, wenn ich z.B. beim Yoga war, selbst einen Blogbeitrag verfasst habe, oder mich in ein Buch vertieft – in meinem Fall ist es also verhältnismässig einfach, etwas in mein Leben zu bringen, was attraktiver ist. Theoretisch.

  7. Dein Text hat mir sehr geholfen. Hab richtig gemerkt, wie es 2 Wochen in mir arbeitete und dann die Erkenntnis: das Internet ist am schönsten, wenn ich es auslasse. Wie gut mir ruhige Abende tun.

    Liebe Grüße – Tanja

    • Hi Tanja, das freut mich aber. Du schreibst ja im Moment viel auf MinimaMuse, das finde ich schön. Im Moment hänge ich für meinen Job sehr viel im Netz, so dass ich meine Freizeit fast nur noch offline verbringe. Das ist eigentlich ganz angenehm. Nur mehr Bloggen würde ich gern.

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