Vom Affengeist zur Achtsamkeit

Ein offensichtlich obdachloser Mann, der auf der Parkbank sitzt und vor sich hin brabbelt. Eine ältere Dame, die im Hochsommer mit dickem Mantel mit zwei Einkaufstaschen nach Hause läuft und dabei hörbar sinniert. Vielleicht schämen wir uns ein bisschen fremd oder empfinden ein wenig Mitleid, wenn wir das scheinbar zusammenhanglose Zeug ‚verrückter‘ Menschen zufällig mit anhören. Selten aber identifizieren wir uns mit ihnen.

Dabei sind wir alle ganz genauso – nur eben in leise. In unserem Kopf läuft ein endloser Dialog ab,  

der vielleicht so aussieht:

„Boah, dass Bianca die Datenbank noch immer nicht aktualisiert hat nervt mich tierisch. Wieso merkt der Chef das eigentlich nicht, ob ich ihn das mal sagen sollte… ich will aber ja auch keine Petze sein und irgendwie sah sie so blass um die Nase aus. Vielleicht geht es ihr nicht gut? Ich sollte nicht so schlecht über sie denken, immer denke ich gleich über alle so schlecht, ich bin ja auch nicht besser. Und wenn der Chef das rauskriegt werde ich vielleicht gefeuert. Und wovon soll ich dann meine Miete bezahlen? Ich sag lieber nix. Mal gucken ob ich Emails bekommen habe. Auf eine Mail von Tobi warte ich schon so lange, der ist ja schon ziemlich nett, ob ich den mal fragen sollte ob er mit mir Kaffee trinken geht? … Och nö, nicht schon wieder DAS….“

Buddha beschrieb den menschlichen Verstand als gefüllt mit einer Horde betrunkener Affen. Sie kreischen, quasseln, springen ohne Unterlass. Wir alle haben einen Affengeist, eine ‚monkey mind‘, in der zahlreiche Affen um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Lange fand ich das garnicht so störend, man gewöhnt sich ja an alles. Dann nahm ich zu Beginn meines Studiums mal an einem 10-wöchigen Meditationskurs teil. Ganz klassisch saßen wir einmal wöchentlich im Kreis, im Schneidersitz, bei Kerzenlicht und Räucherstäbchen, und meditierten. Beziehungsweise meditierten die Anderen, während ich 45 Minuten lang an das nächste Referat oder meinen Ex dachte. Oder mich dafür geißelte, dass ich mich keine 10 Sekunden auf meinem Atem konzentrieren kann.

Erst später wurde mir klar, dass Andere genauso von ihrem Affengeist geplagt werden wie ich. In diesem Kurs lernte ich, dass Gedanken mentale Ereignisse sind, nicht  die ‚echte‘, unveränderbare Wahrheit über die Welt. Ich lernte auch, meine Gedanken ‚von Außen‘ zu beobachten und sie zu benennen, anstatt mich in ihnen zu verlieren. Ich habe aufgehört, allem zu glauben, was mein Kopf mir erzählt.

Die formelle Sitzmeditationspraxis habe ich schnell wieder aufgegeben. Doch es ist Achtsamkeit, die mir hilft, die brüllenden Affenbande zu bändigen, die vergangene Verletzungen widerkaut, die Sitznachbarin im Bus wegen ihres Mundgeruchs verurteilt und den nächsten Wutanfall des Kleinkindes hervorsieht.

Jon Krabat Zinn beschreibt Achtsamkeit als ein „nicht-wertendes Gewahrsein des gegenwärtigen Momentes“. Es geht darum, im Hier und Jetzt präsent zu sein, und zu akzeptieren, was ist. Wenn wir einer Situation achtsam begegnen, sind wir bewusst und beobachtend, anstatt zu interagieren. Wir bewerten das, was passiert, nicht. Wir verlieren uns nicht in Wunschvorstellungen oder lassen uns von Angst lähmen.

Achtsamkeit können wir auf drei Ebenen üben:

  • Erfahrung der Gegenwart – Wir können üben, im Hier und Jetzt zu sein. Dem Aufmerksamkeit zu widmen, was wir gerade tun, sei es Geschirr spülen, Windeln wechseln oder vorlesen.
  • Gewahrsein – Wir können uns unserer Gedanken, Gefühle und körperlichen Empfindungen beobachten und sie als ebendiese benennen. Wahrnehmen statt uns damit zu identifizieren.
  • Erkenntnis – Bei Buddha führte die klassische Form der Achtsamkeitsmeditation zu Erkenntnis und zur Erleuchtung. Während wir still sitzen und unsere Atmung betrachten, sehen wir den Affen unseres Geistes beim Spielen und weisen sie sanft in die Schranken; dann kehren wir mit unserer Aufmerksamkeit zum Atem zurück.

In einer perfekten Welt würde ich im Morgengrauen 45 Minuten meinen Atem beobachten bevor ich ausgeglichen und gelassen mit meiner Familie den Tag beginne. In der Realität schlafe ich fest, wenn Miss Bee um 5:30 zu uns ins Bett krabbelt und wache erst auf, wenn sie mir die Waldgeräusche aus ihrem Lieblingsbuch vorspielt.

So bleiben mir 3-Minuten-Mini-Meditationen und die ‚informellen Achtsamkeitsübungen‘ – das Innehalten im gegenwärtigen Moment und das Gewahrsein meiner Gedanken.  Zur Erleuchtung reicht es vielleicht nicht, wohl aber zu einem offenherzigeren und liebevolleren Umgang mir mir selbst und mit anderen.

 

Achtsamkeit im Juni
Fräulein im Glück und Sonja von wertvoll-Blog schreiben an jedem Freitag im Juni über Achtsamkeit und laden uns ein mitzumachen. Falls Ihr auch über Achtsamkeit schreiben wollt, lest mehr über die Idee beim Fräulein.

9 Kommentare

  1. Vielen Dank, du hast das wichtigste wirklich noch einmal schön zusammen gefasst.
    Und in meinem früheren Leben (vor den Kindern ;-)) hatte ich tatsächlich mal eine Meditationslehrerin, die gab mir auch den Tipp in der Früh zu meditieren. Ich habe es damals schon nicht geschafft und jetzt noch weniger, wenn mein Tag zur gleichen Uhrzeit wie deiner anfängt.

    Danke für deine Gedanken zum Thema!
    Liebe Grüße
    vom Fräulein

    • Das muss ja auch nicht für jeden stimmen. In diesem Fall meinte ich auch garnicht das Meditieren, sondern eher das Achtsam Sein – zuhören, kuscheln, Kaffee machen. Einmal, um einen achtsamen Ton anzustimmten, und zweitens um diesen wichtigen Aspekt einmal berücksichtigt zu haben, egal, was am Tag sonst noch kommt.

  2. Nicht jeder ist der Typ zur Meditation. Achtsamkeit kann auch im Alltag passieren, indem man sich ganz in die Situation begibt. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich koche, dann koche ich. Für mich ist Achtsamkeit im Alltag einer Tätigkeit meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Dann nehme ich auch alles wirklich wahr.

    lg
    Maria

    • Gut gesagt, Maria – aber auch einer Alltagsverrichtung die volle Aufmerksamkeit zu widmen braucht Übung – mit den Gedanken abzuschweifen ist einfacher.

      • Das stimmt, es ist nicht immer einfach. Aber es verändert das Leben nachhaltig, wenn man sich einübt, die kleine Dinge des Alltags achtsamer zu erledigen. Das ist wirklich so.

        lg
        Maria

  3. Huhu, ich versuch es noch einmal mit einem Kommentar… Freue mich, dass du dabei bist!
    Liebe Grüße, Sonja

  4. Pingback: Achtsamkeit – Monatsthema Juni | Fundstücke aus dem Internet

  5. Monkey mind, das hatte ich vorher noch nie gehört, aber das trifft es ganz gut, ich wünschte mir auch öfter mal einen Knopf, mit dem man die wirdden Gedanken (die Affenbande) zum schweigen bringen könnte…
    Danke für deinen Artikel!! Konnte was für mich mitnehmen…

    Liebe Grüße
    Jessi

    • Das freut mich, Jessi. Den Knopf gibt es leider nicht, ich fürchte, wir müssen alle üben, die Stimmen zu ‚bezwingen‘

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