Badezimmer revisited. Oder: wenn der Groschen fällt

Manchmal fällt wohl einfach der Groschen. Unerwartet. Nachdem er eine ganze Weile feststeckte und alles ruckeln, zerren und ziehen nichts brachte. Man schaut sich den festhängenden Groschen noch mal genauer an, zuckt mit den Schultern, dreht sich um und geht. Nach ein paar Tagen kommt man wieder, tippt ganz vorsichtig, und plötzlich macht es ‚bing‘ und da liegt sie, die Münze.

Vergangene Woche schrieb ich über meine Schwierigkeiten, mein Bad zu entrümpeln. Ehrlich gesagt tat ich mir selbst schon ein bisschen Leid. Andere schafften das doch auch. Warum ich dann nicht?

In der Regel wollen Leute, die ihre Körperpflege und Kosmetikprodukte vereinfachen wollen a) mehr Platz/weniger Gerümpel, b) weniger Müll und/oder c) weniger Gift. Will ich auch. Wenn man sich meinen Kulturbeutel so ansieht scheinbar nicht.

Thema ‚Gift‘: Irgendwie habe ich das Thema Substanzen in den letzten Jahren wohl teil-verdrängt (für meine Tochter kaufte ich ja Natur’kosmetik‘). Klar hatte ich schon mal gehört, dass Parabene nicht gut für uns sind, Silikon unsere Haare zerstört und all diese Stoffe generell unsere Flüsse verschmutzen. Ich habe das nur nicht mit meinem eigenen Verhalten in Verbindung gebracht. Als ich noch in Deutschland lebte verwendetet ich fast nur Naturkosmetikprodukte, doch nicht aus tiefster Überzeugung, sondern weil es die dort überall und günstig gibt, meist im gleichen Regal wie die “Petrol Essences” und Co. Hier in GB bekommt man Naturkosmetik ausschliesslich zum Wucherpreis bei Whole Foods oder den wenigen kleinen Bioläden. In die gehe ich auch zum Lebensmittel kaufen, aber nicht, um verstaubtes Shampoo aus dunklen Ecken herauszukramen.

Einige Tage nach dem ‚Schwachstellen‘-Post sah ich mir statt den Versprechungen auf der Vorderseite meines Shampoos einmal die Rückseite der Packung genauer an. Sodium Lauryl Sulfate, Methylisothiazolinole x-, y-, und z-paraben, Sodium Benzonate und so weiter, insgesamt 35 Inhaltsstoffe. Ich begann, einzelne Inhaltsstoffe zu googlen, machte mir Notizen, plante innerlich, einen Post über diese bösen Stoffe zu schreiben. Ein halbe Stunde später brummte mir der Kopf. Google zu, Computer aus.

Ich ging mit meinem brummenden Kopf Schwimmen, und während ich meine Bahnen zog ging mir auf, dass ich keine Analyse chemischer Inhaltsstoffe schreiben muss. Davon gibt es zahllose im Netz. Ich muss auch nicht wissen, ob Parabene ganz schlimm sind, oder eigentlich unbedenklich sind. Mir geht es darum, achtsamer zu leben und mich auf das Wesentliche in meinem Leben zu konzentrieren. Ich will weniger Chemie in unserem Badezimmer, es gibt bessere / nachhaltige / umweltschonende / tierfreundliche / essbare Alternativen zu Mainstream-Wunderprodukten.

Ich duschte, wusch mir ein letztes Mal die Haare mit dem magischen Haarwundermittel und lies es gemeinsam mit der 3-Minuten-Zauberhaarkur in der Dusche stehen. Vielleicht findet die ¼ volle Flasche Shampoo plus Spülung einen neuen Besitzer, vielleicht landet sie im Müll.

Zu hause angekommen noch einmal ein kritischer Blick ins Bad – und schwupps, nach wenigen Minuten sind abgesehen von der Zahnpasta (weil: Tube ganz voll) alle konventionellen Produkte verschwunden. Wohin damit?

  • Aufgebraucht: Die Idee des einfachen Badezimmers gibt’s ja nicht erst seit gestern und so habe ich in den vergangenen Wochen tatsächlich einiges aufgebraucht und nicht ersetzt.
  • Wegeschmissen: Tatsächlich werden Produkte trotz all der chemischen Zusätze irgendwann schlecht. 6 Jahre alter Lipgloss und ranzige Mascara landeten im Müll (die Bürste habe ich aufbewahrt, sollte ich dieses Rezept für selbstgemachte Wimperntusche mal ausprobieren), auch ein, zwei fast aufgebrauchte Produkte.
  • Verschenkt: zwei Dinge gingen an eine Freundin, von der ich wusste, dass sie die Sachen eh kaufen würde.
  • Zweckentfremdet: Malen kann man nicht nur mit Wachsmalstiften sondern auch mit Liplinern 🙂

In diesem Fall brauchte diesen klaren Schnitt – kein Experiment, kein Warten, bis alles aufgebraucht ist. In Zukunft heisst es wieder Augen auf beim Produktkauf, und zwar auf die Rück-, nicht die Vorderseite eines Produktes, und Hirn an, wenn mich mal wieder ein Sonderangebot anlächelt.

8 Kommentare

  1. Manchmal dauert es eben ein bisschen; eine Sache muss reifen, die Einstellungen müssen sich ändern. Das geht nicht von heute auf morgen. Bei mir kommen solche Änderungen in Schüben. Eine Zeitlang ist Ruhe und dann mache ich weiter mit Aussortieren, Ersetzen, etc.
    Zum Glück kann man sich vor dem Kauf eines Produkts ganz gut im Internet informieren. Die meisten haben auf ihrer Seite eine Liste mit den Inhaltsstoffen und da kann ich dann in Ruhe gucken, was drin ist. Zuerst suche ich nach PEG (erdölbasierte Stoffe). Sind die drin, brauche ich gar nicht weiter nach anderem zu gucken, weil es nicht in Frage kommt.
    Irgendwann hat man ja auch ein akzeptables Produkt gefunden. Dann bleibe ich dabei bis ich eine noch bessere Alternative gefunden habe.
    LG, Franka

    • Franka,
      ja, die Dinge müssen reifen. Ich weiß ja auch, dass es durchaus noch sehr viel ‚einfacher‘ geht im Bad. ‚Plastikfrei‘ scheint mir noch einmal eine ganz andere Nummer zu sein.
      Ich glaube, bei mir waren es eher die Spontankäufe, Verführungen, die ich trotz besseren Wissens immer wieder getätigt habe. In Deutschland finde ich es mittlerweile leicht, Prodkute zu erkennen, die entsprechenden Standards folgen (vegan, zertifizierte Naturkosmetik etc) und, wie gesagt, auch, sie zu bekommen.
      Viele Grüße!

        • Oh je, darüber habe ich noch garnicht nachgedacht. Hier in GB muss man echt genau schauen, wenn man ‚echte‘ NK haben möchte, und es wäre schade, wenn es in Deutschland in dieser Hinsicht zurück geht.

  2. Hallo Frau, L,

    im Bad hat es sich total gelohnt. Hat zwar 1 Jahr gedauert bei mir, aber jetzt hab ich alles vegan, in Glasflaschen, werbefrei und de luxe. Lavaerde statt Gesichtsmaske, Jojobaöl statt Creme, NK-Shampoo statt Erdölpampe, Meersalz/Kokosöl statt Plastikpeeling. Ich hab superweiche Haut, tolle Haare, spare viel Geld und betrete DROGEriemärkte nicht mehr. Also: dranbleiben.

    Liebe Grüße,
    die Reduzierte

    • Danke für die ermutigenden Worte. Interessant, dass es bei Dir auch ein längerer Prozeß war – woran lag’s? Wolltest Du Deine bisherigen Produkte nicht wegschmeissen? Hat es eine Weile gedauert, bis Du Ersatzprodukte gefunden hast, die Dir gefallen?

  3. Genau. Aufbrauchen, neue Produkte im NK-Bereich testen sowie 1 Rückfall in alte Kaufgewohnheiten hat dann 1 Jahr daraus gemacht. 🙂

    • Rückfall in alte Kaufgewohnheiten – oh ja. Ich glaube, es dauert eine Weile bis sich diese alten Gewohnheiten wirklich verabschieden. Ich habe mich in den vergangenen Wochen sehr viel mit dem Thema Kaufen und dessen Verlockungen beschäftigt. Ich hoffe, dass ich dadurch nicht wieder durch konventionelle Produkte verführt werden.

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