Buchbesprechung Sarah Schill – Anständig leben

Wenn Sarah Schill in „Anständig leben: Mein Selbstversuch rund um Massenkonsum, Plastikmüll und glückliche Schweine“ ihre Lebenssituation beschreibt, finde ich mich in vielem wieder. Ich habe kein Auto, keinen Wäschetrockner, ein Mann, ein Kind und lebe in einer zugigen Altbauwohnung. Und, wie der Autorin, beschert auch mir eine Berechnung meines ökologischen Fußabdrucks einen Schock. Der ökologischen Fußabdruck des Durchschnittsdeutschen liegt bei 5.1ha, Sarah Schills bei 5.32ha, mein eigener, dank des alljährlichen Langstreckenflugs über den grossen Teich um die Familie meines Mannes zu besuchen, bei über 6ha. Wir bräuchten fast drei Erden wenn jeder so leben wollen würde wie der Durchschnittsdeutsche es derzeit tun, 4, wenn jeder wie ich einmal im Jahr auf einen anderen Kontinent fliegen würde. 1,8 ha wäre ein fairer Fußabdruck, der allen Menschen auf der Welt zu stünde, ohne das wir dabei unsere Erde zugrunde richten.

Ein Selbstexperiment zum besseren Leben in drei Akten
Nach ihrer Berechnung entschließt sich Sarah Schill zu einem Selbstexperiment in drei Akten. Sie ernährt sich zunächst einen Monat lang vegan, verzichtet dann auf Plastik und wird schliesslich gesellschaftlich aktiv. Los geht es mit veganer Ernährung: Tierische Produkte, insbesondere Rind- und Lammfleisch und Milchprodukte, haben gravierende Umweltauswirkungen, die Schill bei ihren Recherchen genauer unter die Lupe nimmt. Um ein Kilogramm Rindfleisch herzustellen, benötigt man 15.500 Liter Wasser und 6kg Soja und Getreide. 98% aller Nutztiere werden in Deutschland in Massentierhaltung gehalten. Schnell lernt sie, dass eine vegane Ernährung vor allem eine gute Vorbereitung bedeutet, denn tierische Produkte konsumieren wir in unserer Gesellschaft mit einer großen Selbstverständlichkeit. Schills Umfeld reagiert nicht nur defensiv sondern z.T. auch stark wertend auf ihren Selbstversuch. Trotzdem hält sie durch und auch nach Anlauf des ersten Monats eine weitgehend vegane Ernährung bei.

Zwischen Resignation und Aufbegehren
Der Veganismus wird im zweiten Experiment zu einer weiteren Herausforderung, als sie beschließt, plastikfrei zu leben. Denn vegane Ersatzprodukte sind in der Regel in Plastik verpackt. Schill findet Möglichkeiten, Plastik zu verringern, doch insgesamt will sie das Experiment häufig aufgeben. Denn Plastik ist wirklich überall: „Es gibt kaum eine Wahl. Wer in dieser Gesellschaft leben und am normalen Leben teilnehmen will, kommt um Plastikprodukte nicht herum. Man kann aussteigen und sich komplett entziehen. Die Zähne mit Salz putzen, die Wäsche per Hand waschen, nicht mehr telefonieren… oder sich eben der Industrie beugen.“ (S. 75). Es gibt Alternativen, doch unsere derzeitige Konsumgesellschaft ist auf bewusster Kurzlebigkeit von Produkten, Kredit und Werbung aufgebaut, und viele kaufen nach dem Motto „Hauptsache billig“. Wie können wir uns angesichts des geringen Effektes, den eine Veränderung unseres persönlichen Verhalten auf die Welt hat, motivieren, insbesondere, wenn die Verhaltensumstellung erst einmal einen grossen Aufwand unsererseits bedeutet? Um am Ball zu bleiben kommt Schill zu ihrer ursprünglichen Motivation zurück: Ihrem Gefühl, die Welt würde immer bequemer, denkunwilliger, langweiliger, und andererseits wird unser Leben immer anstrengender, überfordernder, und unbequemer. Sie möchte dies einfach nicht mehr als gegeben hinnehmen. „Die Suche nach Alternativen, das Nachfragen, Improvisieren, Diskutieren, fühlt sich auf eine Art lebendiger an als die immer gleichen Handlungen und das Schulternzuckende „so ist es halt“ (S. 112).

Aktiv werden und selbst denken
Das motiviert Schill auch schliesslich „aktiv zu werden“. Jeder kann etwas bewegen, doch allein fühlt man sich manchmal überfordert oder von Weltuntergangsszenarien erschlagen. Daher sucht die Autorin nach Gleichgesinnten, beschäftigt sich mit Food Coops, der Postwachstumsökonomie, Dumpstern und Konzepten wie „ohne Geld leben“. Dabei bleibt es bei der Recherche. Sie schaut Dokumentationen, besucht eine Schlachterei in einem Ökodorf und alternative Projekte, und geht mit auf die Jagd. Ob das schon aktiv werden bedeutet weiss ich nicht, und so beobachtet auch Sarah Schill, dass man natürlich immer noch mehr, immer noch nachhaltiger leben kann und dass, wer sich ein wenig engagiert (Unternehmer, Vegetarier etc.) bisweilen heftiger kritisiert wird als Leute, die garnichts tun (S. 125)

Am Ende des Experiments hat sich Schills Verhalten grundlegend verändert. Sie kauft regional und saisonal ein und ernährt sich weitgehend vegan. Bei Plastik ist sie weniger aufmerksam, was ich, nach acht Wochen Challenge, sehr gut verstehe – ist einfach verdammt schwer! Im Epilog ermutigt sie sich und die geneigte Leserin, den Verstand einzuschalten und die Entscheidungen zu treffen, bewusst und mit allen Konsequenzen.
„Natürlich kann ich im Café mit Käfigeiern gebackenen Kuchen essen, ich darf nur nicht so tun, als wüsste ich nicht, was dahinter steckt.“ (S. 166)
Jede Entscheidung hat eine Auswirkung, deshalb muss man nicht verzweifeln – denn jede Entscheidung bietet uns die Chance, etwas zu ändern.

Mein Fazit
Das Buch bietet eine gelungene Mischung aus persönlichem Erfahrungsbericht und Fakten. Im Text als auch im Anhang finden sich eine Vielzahl von Referenzen und Tipps zum Weiterlesen und -schauen, Links zu Projekten, Blogs, und alternativen Einkaufsmöglichkeiten. Bisweilen merkt man den Buch an, dass es aus einem Blog entstanden ist. Dafür ist es kurzweilig zu lesen und mir persönlich gefällt der subjektive und selbstironische Ton des Buches. „Anständig leben“ gibt eine gute, nachdenkliche Einführung in viele Themen, Zusammenhänge und Widersprüche des nachhaltigen Lebens.

Mehr über meinen eigenen Versuch, nachhaltiger zu leben könnt Ihr hier
Von der #Konsumauszeit zu #KonsumEntscheidet
und auf dem Blog FindingSustainia nachlesen:
#KonsumEntscheidet – Eine Bestandsaufnahme von Daija
Challenge Chat #KonsumEntscheidet – Fair & Mineralölfrei
und mein Fazit Die Eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht

Weitere Stimmen: Maria hat das Buch im letzten Herbst gelesen. Ihre Rezension findet Ihr hier auf widerstandistzweckmaessig.

Das Buch „Anständig leben: Mein Selbstversuch rund um Massenkonsum, Plastikmüll und glückliche Schweine“ erschien im März 2014 im Südwest Verlag und ist als ebook erhältlich. Dieser Beitrag enthält Affiliatelinks.

1 Kommentare

  1. Hallo!

    Vielen liebe Dank fürs Verlinken zu meiner Rezension!

    lg
    Maria

Kommentare sind geschlossen.