Die Geschwindigkeit der Seele

Normalerweise lasse ich abends „die Seele baumeln“, in dem ich das Tablet sofort anschalte, wenn beide Mädchen im Bett sind. Ich dachte, es entspanne mich, für ein paar Stunden in das weltweite Netz einzutauchen. Dann las ich, was die Nutzung elektronischer Unterhaltungsgeräte mit uns macht, wie sie uns stimulieren statt zu entspannen.

Ich versuche mich an einer digital detox, dem Reduzieren meines Medienkonsums. Das ist schwer, denn ich lese leidenschaftlich gern Blogs, schaue mir schöne Bilder auf Pintrest oder Instagram an und freue mich über Fundstücke auf Twitter.

Unsere Aufmerksamkeit wird nach Aussen gezogen

Marco von Münchhausen schreibt in Wo die Seele auftankt: Die besten Möglichkeiten, Ihre Ressourcen zu aktivieren, dass es eine Vielzahl von Faktoren und Umständen gibt, die unsere Aufmerksamkeit und unsereHandlungen von uns selbst weg und nach Außen hin verlagern. Das Ping einer eingehenden Email während man gerade einen Bericht schreibt ebenso wie greinende Kinder, die es unmöglich machen, ein Telefonat zu führen oder eine Mahlzeit zu zu bereiten. Je stärker wir in den Sog der äußeren Kräfte geraten, desto mehr verlieren wir den Kontakt zu unserem eigenen Selbst. Wir fühlen uns ausgebrannt und versuchen, unsere innere Leere durch noch mehr, noch stärkere äußere Reize zu füllen.

Ein Teufelskreis, in dem wir nach immer mehr, immer stärkeren Reizen im Außen suchen. Das ist nicht nur auf Dauer ziemlich anstrengend sondern führt auch dazu, dass wir das, was uns wirklich wichtig ist, und das, was uns als Mensch ausmacht, aus den Augen verlieren.

Zurück zur Seele geht es einfach, aber nicht leicht

Der Weg zurück zum eigenen Selbst ist einfach, aber nicht unbedingt leicht. Es geht darum, innezuhalten, anzuhalten, und in der Ruhe wieder Zugang zur eigenen Seele zu bekommen. Dieses Anhalten fällt vielen Menschen erstaunlich schwer, weil sie Angst vor dem Stillstand haben, vor der Leere, und vor den Gefühlen und Gedanken, die sich zeigen können, wenn wir mal aus dem Trubel aussteigen.

Unsere Seele ist viel langsamer als unser immer aktiver Geist. Unser Verstand funktioniert wie ein blitzschneller Computer, ist immer in Vergangenheit und Zukunft unterwegs und verarbeitet Gedanken in Bruchstücken von Sekunden. Münchhausen ermutigt zu einem kurzen Test: denke an einen weißen Eisbären, dann an ein rotes Flugzeug, und schließlich an die deutsche Fahne. Kaum, dass wir die Worte gelesen haben erzeugt unser Gehirn das entsprechende Bild.

Langsam und Gegenwärtig

„Das wahre Wesen der Seele ist die Langsamkeit“ schreibt Münchhausen. Versuche mal, jetzt Trauer, Wut oder Verliebtheit zu empfinden. Es gelingt Dir nicht. Wir können uns diese Gefühle abstrakt vorstellen, auf Befehl empfinden können wir sie nicht. Die Seele lebt in der Gegenwart, Gefühle können nur im gegenwärtigen Moment wirklich erlebt werden, und brauchen Zeit, um sich zu entwickeln.

Warum ist das wichtig? Weil wir als Menschen auf Dauer ausbrennen, krank werden, oder unglücklich, wenn die Seele auf der Strecke bleibt. Es gilt, das Lebenstempo zu verringern, um unser Inneres auftanken zu können. Und für mich bedeutet das, immer mal wieder offline zu sein.

Nimmst Du Dir Zeit für Deine Seele? Wie tankst Du auf?

 

Als P.S. noch eine kurze Geschichte zum Tempo der Seele, von eiligen Weißen und Urwaldbewohnern, die auf ihre Seelen warten müssen, die Münchhausens Buch erzählt:

Die Weißen, die Indianer und der Jagd nach der Zeit

Durch den südamerikanischen Urwald zieht eine Gruppe von Menschen. Es sind Weiße und etliche Indianer, die für die Fremden den Weg schlagen und von ihnen “gekauft” wurden. Den Weißen hat die Zeit etwas genommen, nun wollen sie zurück an den Beginn dieser Zeit, um zu finden, was sie verloren haben.
Sie dringen vorwärts und lassen kein Rast, kein Schauen, kein Hören zu. Sie schreien in Worten, die die dunklen Männer nicht verstehen, doch die ahnen was sie bedeuten: „Vorwärts! Vorwärts!“
Wer an den Beginn der Zeit will, so denken die Menschen aus dem fernen Land, der darf keine Minute verschwenden, muss den Tag nutzen, muss die Nacht nutzen, um ans unbekannte Ziel zu kommen.
Doch die Gesichter der Indianer verändern sich mit jedem Schritt, mit jedem neuen Befehl. Sie werden immer unruhiger und verstörter, und eines morgens sind sie verschwunden.
Nach langem Suchen entdecken die Weißen sie: Sie sitzen im Kreis auf einer Lichtung, mit geschlossenen Augen, und scheinen nach Innen zu hören, in unsichtbare Ferne zu sehen. Alles schimpfen und schreien der Fremden kann sie nicht aus der Ruhe bringen.
Schließlich erhebt sich ihr Anführer und sagt: „Wir können nicht weiter. Wir müssen hier warten. Unsere Seelen konnten euer Tempo nicht mithalten. Sie sind unterwegs verloren gegangen. Nun müssen wir warten, bis sie nachkommen. Wenn sie wieder bei uns sind, können wir die Reise fortsetzen. Aber langsamer – in der Geschwindigkeit von Körper und Seele!“

 

 

3 Kommentare

  1. Hallo Daija!

    Die Geschichte der Indianer kenne ich und kann sie nur bestätigen. Wenn das Leben zu schnell abläuft, dann fehlt wirklich die Zeit um alles zu verarbeiten.

    Derzeit arbeite ich gerade wieder am Entschleunigen. Wie ich das alles am besten angehe, darüber muss ich allerdings noch nachdenken. Denn das Bloggen (samt Lesen auf anderen Blogs wie auf Deinen) bedeutet mir halt auch sehr viel.

    lg
    Maria

    • Liebe Maria

      ich frage mich ja immer, wie Du das machst, auf so vielen Blogs zu lesen und zu kommentieren, und selbst regelmäßig zu schreiben.

      Du weisst, das Thema ‚offline‘ beschäftigt mich immer wieder. Ich habe meinen Feedreader gerade ganz radikal aufgeräumt. Das ist mir schwer gefallen, und natürlich füllt er sich auch schnell wieder. Teil des Bloggens ist es ja auch, sich mit anderen auszutauschen und sich anregen zu lassen. Bei mir erzeugt ein Zuviel aber das Gegenteil, eine Lähmung, bei der ich weder schreiben noch handeln kann.
      Eine Anregung ist ja, sich einen Tag in der Woche Technologie-frei zu nehmen und statt dessen andere Dinge zu tun. Ich merke, dass ich weniger online sein ‚muss‘ wenn ich weniger Zeit online verbringe. Der Entzug scheint zu wirken. 🙂
      Herzliche Grüße
      Daija

      • Hallo Daija!

        Das Lesen und Kommentieren habe ich derzeit auch deutlich reduziert. Ich arbeite nun mit Priorisierungen in meinem Feedreader, damit ich das, was mir wirklich wichtig ist, nicht verpasse.

        Und nur wenn wirklich viel Zeit ist, habe ich auch die anderen Blogs in der Übersicht.

        Es tut mir jedoch auch sehr gut, die online-Zeiten zu reduzieren und daher freue ich mich auch schon auf meinen offline-Urlaub im Sommer.

        lg
        Maria

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