Die perfekte Instagram-Frau und ich

In London gibt es einige der teuersten Werbeflächen der Welt. Bis vor Kurzem bin ich dem Weg zur Bushaltestelle und zum Supermarkt an Bildschirmen vorbei gekommen, die sich für £2500 pro Quadratmeter am Tag mieten lassen*. Sie zeigen in der Regel schnelle Autos und makellos schöne Menschen.

Diese Bilder verstärken unsere Tendenz, mit dem zu ringen, wie wir wirklich sind. Es gibt eine Flut an Bildern, die uns zeigen, wie wir sein könnten, wenn wir uns nur genug Mühe gäben. Sehen wir solche Bilder in Hochglanzmagazinen oder auf Werbetafeln wissen wir, dass dahinter eine Horde Make-up Artisten, Stylisten, professionelle Fotografen und teure Bildbearbeitungssoftware steckt. Wir wissen, dass die Macher Geld verdienen wollen, in dem sie uns ein Produkt verkaufen, dass uns Glück verspricht, und das dieses Glücksversprechen nicht einhält.

Instagram – Spontane Schnappschüsse oder gekonnte Inszenierungen?

Instagram dagegen verspricht spontane Schnappschüsse von Menschen wie Dir und mir. Wie viel Arbeit und Inszenierung in diesen „Schnappschüssen“ steckt sehen wir nicht. Wir sehen ein Foto von frischem, gesunden, leckeren Essen. Wir sehen weder die chaotische Küche im Hintergrund und noch hören wir die quengelnden Kinder, die keine Lust haben, auf ihr Essen zu warten. Oder den Quinoa-Grünkohl-Salat mit Chiasamen nicht probieren wollen. Seit meiner Zusammenarbeit mit dem Fräulein im Glück weiß ich, dass es Stunden dauert, wirklich schöne Bilder von Mahlzeiten zu machen.

Dennoch habe ich mir den perfekten Insta-Menschen selbst geschaffen. Eine Welt, in der ich die elegant angerichteten Kreationen von Food Bloggern direkt nach den OOTD der Fashionistas und den neusten Aktivitäten der Bastelfreaks sehe. In dieser Welt kann die Insta-Frau jederzeit eine kreative Freizeitidee oder eine Mahlzeit voller Superfoods aus dem Hut zaubern und trägt dabei die Fingernägel immer in der richtigen Länge.

Der Offline-Realitätscheck

Ungewollt bin ich dieser Tag häufig offline. Wir haben uns zu spät um unseren Telefonanschluss gekümmert – ein Segen. In unserer neuen Umgebung gibt es weniger Werbeflächen, weniger Hochglanz, dafür mehr Menschen, die ein mittleres Einkommen oder eine durchschnittliche Kleidergröße haben. Der Realitätscheck zeigt, dass es genügend Mütter gibt, die ihren Kindern Chips und Fruchtsaftgetränke geben und die der Satorialist wohl nicht fotografieren würde. Das ist keine neue Erkenntnis. Als Perfektionistin auf dem langen Weg der Besserung muss ich mich immer wieder daran erinnern.

Meine Lösungen im Moment bleiben Mäßigung – unplugging-, Achtsamkeit und kritische Reflexion. Natürlich räumt jeder seine Wohnung auf, bevor ein Fotograf für ein Fotostrecke vorbei kommt, oder auch eine gute Freundin zum Teekränzchen. Ich auch (also für die Freundin). Nicht, weil ich eine Fassade aufrechterhalten will, sondern weil ich möchte, dass sich Menschen bei und mit mir wohlfühlen.

Inspiration, kein Perfektionismus

Ich mag schöne Bilder, weil sie mich inspirieren, mein Essen auch mal hübsch anzurichten oder etwas mit Miss Bee zu basteln. Oder auch, um dem Alltag für ein paar Minuten zu entfliehen. Ich lerne einerseits, Instagram wie ein Magazin zu betrachten, andererseits auch Menschen zu folgen, die ihre Bilder zwischen Babykotze und Teilzeitarbeit aufnehmen, ungefiltert. Unsere Lebenszeit ist begrenzt. Ich will sie nicht damit verbringen, der perfekten Insta-Frau nach zu eifern. Ich hoffe, Ihr auch nicht.

Wie ist es bei Euch? Beeinflussen Euch Instagram, Pinterest und Co? Was macht Ihr, um negativen Vergleichen vorzubeugen?

* Schätzt mein Mann, der sich mit so etwas sehr viel besser auskennt als ich.

2 Kommentare

  1. Liebe Daija,

    lieben Dank für deinen Artikel und deine Sichtweise. Ich habe irgendwann zuerst Pinterest entdeckt und liebe es dort zu stöbern und mich zu inspirieren. Instragm trat in mein Leben eher zufällig und hat sich dann zu einer Stelle für mich entwickelt wo ich zentral meine Glücklichmacher sammle. Deshalb sind meine Fotos auch gerne mit Liebe zum Detail gemacht und zeigen die positiven Seiten, jedoch hält sich hier der Aufwand für die Fotos im zeitlichen Rahmen, in meine Texten schreibe ich gerne über das Leben, so wie es halt einfach ist und wie ich mich ihm stelle oder manchmal halt auch nicht.
    Ich mag die bunte Mischung und das man immer die Wahl hat was man sich ansehen möchte. Ich persönliche genieße diese Abwechslung aus perfekt und unperfekt und habe für mich bewusst entschieden was und wie ich mich dadurch beeinflussen lasse. Ich folge vielen oft auch gar nicht so wegen der Fotos, mir geben die Texte auch viel.
    Instagram ist also eher das was man daraus macht und machen will. Ich denke im Laufe des Lebens und wenn man ein gewisses Alter erreicht hat weiß man genau das oft (auch im realen Leben) ein Schein erschaffen wird und je perfekter jemand nach außen hin auftritt um so mehr quietscht es in ihm innerlich. Das ist die Erfahrung, die ich häufig gemacht habe, wenn die Masken gefallen sind.

    Ich wünsche dir ein schönens Wochenende

    liebe Grüße

    Bettina

  2. Liebe Bettina
    ja, mit dem Alter – oder vielleicht im Hinblick auf Blogs, Instagram und Co. – wird es leichter, den Schein als das anzusehen, was er ist. Ich muss mich trotzdem immer wieder daran erinnern, das anders auch nur mit Wasser kochen. Den Aspekt der Wahl finde ich auch wichtig – ich kann mir zusammen stellen, was ich mir ansehe, ein grosser Vorteil gegenüber klassischen Zeitschriften, die uns mit schönen Bildern bombardieren.
    Du hast einen schönen Blog, da schau ich sicher öfter mal vorbei.
    Liebe Grüße
    Daija

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