Pippi-Langstrumpf-Tage für eine entspannte Familie

An manchen Tagen erscheint mir ein entspanntes Familienleben wie ein ferner Traum, die Vorstellung, zusammen eine schöne Zeit zu haben wie eine unrealistische Wunschvorstellung. Nach dem Wiedereinstieg in den Job wurde ich durch die Nicht-Vereinbarkeit von Job und Familie, Schlagmangel und Überreizung zu einer ziemlichen Spaßbremse. Ich vernachlässigte meine eigenen Bedürfnisse und, hätte ich nicht meinen Job an den Nagel gehängt, wäre ich wohl eher früher als später Burn-Out-Patientin geworden. Auch für die Bedürfnisse der Kinder gab es wenig Spielraum: Oft sagte ich ohne große Reflexion “Nein” oder „Wenn… dann…“ weil mir normales, kindliches Verhalten auf die Nerven ging. Meine Toleranz für Lärm lag etwa bei Null, die für Unordnung nicht viel höher.

Ganz der „Elternautomat“, wie Jesper Juul so schön sagt und ganz so wie ich nicht sein möchte. Die Vorstellung, meine Kinder mal einfach nur zu genießen, finde ich ausgesprochen schön und verlockend. Als mir das nicht mehr gelang, fand das Buch Die entspannte Familie: Wie man aus einer Mücke keinen Elefanten macht von Simone Kriebs den Weg auf meinen Nachttisch mein Tablet.

Die innere Haltung ersetzt das Erziehungsmodell

Simone Kriebs ist u.a. Pädagogin, Systemische Familientherapeutin und Mutter, und plädiert dafür, in einer Zeit, in der die Vielzahl von Meinungen darüber, wie man Kinder erziehen sollte, für große Verunsicherung bei Eltern sorgt, eigene Positionen zu entwickeln anstatt zu versuchen, ein Erziehungstheorie in der Familie umzusetzen.

„Statt äußerer Orientierung benötigen Eltern eine innere Haltung. Kinder brauchen kein Erziehungsmodell, sondern Eltern, die ihnen Orientierung bieten und in der Lage sind, mit ihnen authentisch in Kontakt zu treten.“

Statt also ein weiteres Modell anzubieten will Kriebs Hilfestellung geben, sich mit den eigenen unbewussten “Programmen” zum Thema Erziehung auseinander zu setzen, und dadurch eine entspannte Haltung zu finden.

Statt ein “Erziehungsspiel” zu spielen geht es darum, im Zusammenleben es immer wieder auszuloten, welche Spielräume und Verantwortungsbereiche wir haben und wie sich alle Familienmitglieder mit diesen fühlen. Gleichzeitig müssen wir auch akzeptieren, dass es nicht in allen Situationen eine einvernehmliche Lösung gibt. In vielen Familien (so auch in unserer) ist das beim Zähneputzen der Fall. Uns als Eltern ist es wichtig, die Kinder haben keine Lust darauf und Äußern es auch lautstark. Wenn mein Hauptinteresse die Einvernehmlichkeit ist, erleben wir uns immer wieder als gescheitert, wenn unser Gegenüber nicht mitspielt, erklärt Kriebs. Wenn ich meinem Kleinkind nicht die Verantwortung für die Zahnhygiene übertragen will, ist das meine Entscheidung. Ich darf nicht erwarten, dass mein Kind diese gut findet.

Gleichzeitig geht es darum, das Kind liebevoll bei Lernprozessen zu begleiten und uns im Zweifel einfach mal rauszuhalten, um der Lust am Lernen nicht im Wege zu stehen.

„Ständig mischen sich Erwachsene in die Welt der jungen Menschen ein, bewerten und bevormunden, was richtig oder falsch ist. „Die Schere musst Du so halten“ oder „Ein Puzzle muss man zu Ende machen, wenn man angefangen hat“. Mein Sohn hat während eines Pädagogikprojekts in einem Kindergarten erlebt, dass eine blau gemalte Eule nicht aufgehängt wurde, weil Eulen ja bekanntlich nicht blau sind.“

Theorie und Praxis des entspannten Familienlebens

Klingt wie Jesper Juul? Da gibt es in jedem Fall Überschneidungen. Die entspannte Familie  liest sich aber angenehmer als Juul (my 2 cents!). Gut gefällt mir auch, dass Susanne Kriebs immer wieder Forschungsergebnisse heranzieht und dadurch die zahlreichen Beispiele aus ihrem eigenen Familienleben und der Praxis als Familientherapeutin ergänzt.

Zunächst fasst sie verständlich zusammen, was Kinder brauchen, wie sich Kinder entwickeln, was sie antreibt und was das für Erziehung bedeutet. Das hilft, Vertrauen in die Fähigkeiten und natürlichen Entwicklungsprozesse des Kindes zu bekommen.

Zudem zeigt sie typische Stolpersteine in Familien auf und gibt Anregungen, wie wir mit diesen Umgehen können. Zentral dabei bleibt immer, dass Kinder und Erwachsene gleichwertige Menschen mit sehr ähnlichen grundsätzlichen Bedürfnissen sind. Die Frage, die mir selbst immer wieder hilft, wenn ich merke, dass ich in komische Muster falle, ist: Wie würde ich mit einem anderen Erwachsenen sprechen, wenn ich in der gleichen Situation wäre?

Übung macht die Meister

Unterstützen, meint Kriebs, können wir unsere Kinder am Besten dadurch, dass wir mit uns selbst in Kontakt sind und für uns sorgen.

Nur, wie kommen wir da hin, wenn uns Gelassenheit nicht in die Wiege gelegt oder durch den Alltagsspagat verloren gegangen ist? Das erfordert zum Einen Achtsamkeit und bewusstes Entspannen. Zum Anderen bietet Susanne Kriebs eine Reihe praktischer Übungen an: Rollentausch, Schimpfwortspiele, Bestimmer- und Schwindeltage helfen, aus eingeschliffenen Mustern raus zu kommen. Für viele der Ideen finde ich meine eigenen Kinder noch ein wenig zu klein, einen Pippi-Langstrumpf-Nachmittag habe ich mit den Mädchen jedoch schon ein paar Mal eingelegt.

Pippi-Langstrumpf-Tage sind Ausnahmetage, an denen wir uns die Welt machen, wie sie uns gefällt. Und an denen wir die Dinge tun, die “man“ eigentlich nicht tut: den ganzen Tag im Schlafanzug abhängen, nackig malen, im Bett essen, so viel Fernsehen und so viel Schokoladenkuchen essen, wie man will, und ohne Zähneputzen ins Bett gehen.

Gerade mit kleinen Kindern bedeutet das natürlich viel Chaos. Wem ein ganzer Tag zu lang ist oder die Zeit zu knapp ist, macht wie wir einen Pippi-Langstrumpf-Morgen, -Nachmittag oder -Abend. Unsere Pippi-Langstrumpf-Nachmittage bedeuten vor allem viele Süßigkeiten, Spaghetti Bolognese, die man mit den Händen essen darf, Höhlen bauen, non-stop Feen-Geschichten vorlesen und großflächig matschen.

“Regelmäßig mal einen Pippi-Langstrumpf-Tag einzulegen nimmt den Druck, alles richtig machen zu wollen, und gibt Raum, mal nur das zu tun, wonach einem gerade so ist. Frei von schlechtem Gewissen oder irgendwelchen Verpflichtungen.” schreibt Kriebs.

Ganz entspannt bin ich dabei noch nicht. Deshalb üben wir fleißig weiter.

Die entspannte Familie: Wie man aus einer Mücke keinen Elefanten macht von Simone Kriebs ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen. Das Buch hat 224 Seiten und kostet 17,99 Euro. Das Buch wurde mir als e-book vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

1 Kommentare

  1. Das ist ja eine tolle Idee mit den Pippi-Langstrumpf-Tagen 🙂 Das werden wir auch bald machen! Danke für die Inspiration! Liebe Grüße, Maria

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