Schwangerschaft und Geburt in London – ohne Hebamme unvorstellbar

Besser als Nina auf gedankenpotpourri kann ich nicht ausdrücken, warum ich diesen Beitrag schreibe. Er ist Teil meiner Geschichte zum Thema #meineGeburtmeineEntscheidung

Eine Woche nachdem Miss Bee die Welt erblickte bekam ich urplötzlich starke Unterleibsschmerzen. Nach einem Gespräch mit einer Mitarbeiterin der Gesundheitshotline fuhr ich mit dem Taxi ins Krankenhaus. Die Entbindungsstation schockierte mich mit ihrer Geschäftigkeit, dem grellen Licht, dem generellen Lautstärkepegel, den vielen Menschen. Frauen warteten auf unbequemen Stühlen oder hinter fadenscheinigen Vorhängen auf ihre Untersuchung. Wie anders als meine Geburtserfahrung nur eine Woche zuvor im Geburtshaus, nur ein Stockwerk tiefer, und eine Bestätigung meiner Entscheidung, dort zu entbinden. An diesem Tag wurde ich zum ersten Mal von einer Frauenärztin untersucht.

Im Normalfall sieht man in London in der Schwangerschaft keinen (Frauen)Arzt

Die Betreuung während der Schwangerschaft wird hier in London und auch in vielen Krankenhäusern in Großbritannien vollständig von Hebammen übernommen; der Hausarzt führt zwei Vorsorgeuntersuchungen durch. Besuche bei einem Frauenarzt waren in meiner Schwangerschaft nicht vorgesehen. Es gab zwei Ultraschalluntersuchungen, in der 12. und der 20. Woche. Zeigt der zweite Ultraschall irgendeine Besonderheit wird in der 36. Woche noch ein Dritter durchgeführt; in meinem Fall lag die Plazenta in der 20. Woche etwas tiefer, der Ultraschall in der 36. Woche zeigte, dass sich alles normalisiert hatte. Natürlich kann auf eigene Kosten weitere Untersuchung durchführen lassen. Im Gegensatz zu Freundinnen in Deutschland, die von ihrer Frauenärztin betreut wurden, wurde ich aber nie danach gefragt oder gar dazu gedrängt.

Natürlich weiss ich nicht aus eigener Erfahrung, wie anders eine Geburt in Deutschland fuer mich verlaufen waere. Manchmal fand ich es schon bemerkenswert, nie einen Frauenarzt zu sehen oder innerlich untersucht zu werden. Oft stoerte mich auch, dass ich jedes Mal eine andere Hebamme traf; meine Frauenärztin in Deutschland hatte ich schließlich über die Jahre gut kennengerlernt und vertraute ihr. Andererseits beruhigte es mich auch, durch Hebammen betreut zu werden. Es gab mir das Gefuehl, in guten Händen zu sein, aber nicht krank, Behandlungbedürftig. Die Schwangerschaft ist ein Normalfall, Hebammen geschulte Personen, die das Gesundheitssystem weniger kosten als Ärzte. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt meiner Schwangerschaft oder Geburt das Gefühl, einen Arzt zu brauchen.

Ich habe in dieser Zeit engagierte und weniger engagierte Hebammen kennen gelernt. Nicht alle waren mir sympathisch. Andererseits könnte ich mir Schwangerschaft und Geburt ohne gut ausgebildete Hebamme nicht vorstellen. Ich hatte das Glück, dass Beides weitgehend unspektakulär verlaufen sind. Trotzdem war ich froh, dass regelmäßig jemand nach dem Fötus sah bzw. hörte. Alleine eine Geburt zu bestreiten würde ich mir auch beim zweiten Mal nicht zutrauen; ich schätze meinen Mann sehr, aber den Dammschnitt und die anschliessende Naht überlies ich gern der Hebamme. Und überhaupt: Michael Phelps ist ein TopSchwimmer, einen Coach hat er trotzdem. Angela Merkel ist eine erfahrene Politikerin, Berater hat sie dennoch. Eine Gebährende hat eine Hebamme an der Seite. Basta.

Die Entscheidung für das Geburtshaus war die Beste für uns

Es gibt in Großbritannien ein Recht auf Wahlfreiheit. Der National Health Service muss eine Betreuung der Geburt sicherstellen, egal ob man im Krankenhaus, im Geburtshaus oder zu Hause gebären möchte. Die Hebammen im Geburtshaus sagte mir aber auch, dass dies nur wenige Frauen wissen.
Ich habe wenig Erfahrung mit Krankenhäusern, aber mein Mann hasst sie, wohl auch, weil er in den letzten Jahren gleich drei geliebte Menschen dort verabschiedet hat.

Ich hatte eine unspektakuläre Schwangerschaft, war gesund und körperlich fit. Eine Freundin von mir brachte während meiner Schwangerschaft ein kleines Mädchen in einem Hamburger Geburtshaus zur Welt. Ich sah mir im Internet Fotos meiner Optionen an, und wir besichtigten das Geburtshaus. Wir fühlten uns wohl dort, die Hebamme war sehr nett, es war wohlig dunkel, und nach der Entbindung konnten wir alle drei 24 Stunden in einem komfortablen, privaten Zimmer dort bleiben.

Aber wie viele Geburten verlaufen normal?

Den Normalfall gibt es hier natürlich ebenso wenig wie in Deutschland. Eine Freundin mit Diabetis und eine Zwillingsmutter wurden in der Schwangerschaft auch von Ärzten betreut und entbanden in der Klinik unter ärztlicher Aufsicht. Auch wenn nicht alle Krankenhäuser so beschaffen sein mögen wie das, was ich besuchte, glaube ich jedoch gern, dass die Wehen sich verlangsamen, sobald man dem grellen Licht der Entbindungsstation ausgesetzt ist und sich dann mit einer Vielzahl von Menschen auseinandersetzen muss. Ein Viertel der ErstMütter, die sich für das Geburtshaus in St Mary’s entschied, wurde im Verlauf der Geburt in das Krankenhaus verlegt.

In Großbrianien gibt es die Kostendebatte natürlich auch. Der NCT, eine gemeinnützige Organisation, die sich Eltern durch Schwangerschaft und die ersten drei Jahre mit Kind begleitet, errechnete jedoch, dass Hebammenbegleitete Hausgeburten mit großem Abstand die günstigste Alternative sind; eine ärztlich Begleitete Entbindung im Krankenhaus kostet £1631, £1461 im Krankenhaus, wenn die Hebamme bei der Entbingung hilft, £1435 im Geburtshaus und £1067 für eine Hausgeburt)

(Dann gibt es noch die Diskussion, dass Ärzte gerne Kaiserschnitte durchführen, weil sie das besser können und es sich finanziell auszahlt, Quelle: bbc)

Warum ich trotz allem eine bessere Betreuung durch EINE Hebamme gebraucht hätte

Meine Geburt ist super gelaufen (Blogbeitrag folgt in einigen Tagen). Kein Grund, sich zu beklagen? Vielleicht war genau das das Problem. Die ersten Wochen nach der Geburt verbrachte ich gleichsam überfordert, sehr einsam, und ohne die Möglichkeit, die Geburtserfahrung und das Leben mit Baby mit einer geschulten Person zu verarbeiten.  Zwar wurde das das Baby begutachtet und gewogen, doch dies geschah, wie in der Schwangerschaft auch schon, immer wieder durch unterschiedliche Personen, erst durch Hebammen und dann durch Health Visitors (Health visitor sind meist Krankenschwestern mit einer Zusatzqualifikation in Kindergesundheit und Gesundheitsförderung (eine Freundin von mir sagte etwas gemein, dass die Frauen, nicht nicht klug genug sind, um Hebammen zu werden, sich oft für diesen Beruf entscheiden)). Meine Geburt war so unspektakulär, dass ich nie wirklich darüber sprechen konnte – im Vergleich zu den traumatischen Geburten, die ich von neuen Freundinnen hörte verblassten meine Erfahrungen.

Ich glaube, einer festen Betreuungsperson wäre mein Babyblues, der sich später zu einer postnatalen Depression auswuchs, nicht entgangen. Einer geschulten Hebamme, die mich durch Schwangerschaft, Geburt und das Wochenbett begleitet hätte, hätte die Veränderung zwischen der fröhlichen Schwangeren und der niedergeschlagenen Mutter bemerkt. Es ist jetzt müssig darüber nachzudenken. Aber: In meiner Vorstellung ist eine lückenlose Betreuung durch eine gute Hebamme das Beste, was einer schwangeren und gebärenden Frau passieren kann.

Die Unterleibsschmerzen stellten sich als harmlose Harnwegsentzündung heraus; bei dem sommerlichen Wetter draußen wäre ich darauf nie selbst gekommen. Lässt sich mit viel Tee und Wärme leicht zu behandeln.

Klinik, Geburtshaus, Hausgeburt? An welcher Stelle warst Du froh, dass Du eine Hebamme bei Dir hattest? Verlinkt Eure Geschichten auf Geborgen Wachsen.

7 Kommentare

  1. Herzlichen Dank fürs Verlinken und deine lieben Worte. Spannend zu lesen, wie es ist, in GB schwanger zu sein. Mein Mann hat ein Jahr in Manchester gelebt. In dieser Zeit haben wir das Gesundheitssystem ein wenig kennenlernen können. Aber natürlich ist das dann für eine Schwangerschaft nochmal etwas anderes.
    Danke, fürs Teilen deiner Geschichte.
    Herzlichen Grüße nach London, Nina

    • Danke, liebe Nina – und Danke auch für das Teilen Deiner Geschichte!

    • empeel

      Gebären schreibt man ohne „h“, denn es kommt von Geburt.

      • Danke – ich sollte in ein Rechtschreibprogramm investieren!

  2. Sehr interessanter Bericht – vielen Dank dafür. Als hättest du nicht lieber einen Frauenarzt an deiner Seite gehabt? Mir würde das besser gefallen, weil ich dann wüsste, dass ich in besten Händen bin. Ein Arzt kennt sich einfach besser mit den Problemen aus. Oder was meinst du?

    • Vielleicht ist das naiv, aber ich denke, dass sich eine Hebamme Risiken genauso gut erkennen kann wie ein Arzt und ich war mir sicher, dass die Hebammen mich auf die Entbindungsstation geschickt haetten, wenn es Schwierigkeiten gegeben haette. Wenn es keine Schwierigkeiten gibt, finde ich die Anwesenheit eines Arztes eher hinderlich, weil ich dann immer daran erinnert werde, dass Schwierigkeiten auftreten koennen.
      Ich hatte eigentlich nur Bedenken, dass direkt nach der Geburt etwas mit dem Kind ist – es dauert aber genauso so lange, einen Kinderarzt in das Geburtshaus zu holen wie in die Klinik.
      Und klar, bei Problemen ist es natuerlich gut, einen Arzt da zu haben. Ich hatte auch Glueck.

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