Gelassen vereinfachen – Minimalismus ohne Stress

In einer kleinen Serie kannst Du hier jeden Donnerstag eine Beitrag zum Thema Vereinfachen lesen. Ich erspare Euch einen weiteren Artikel zum Kaufen. Vorerst. Diese Woche geht es darum, wie aus dem Vereinfachen kein weiteres stressiges Projekt in unserem Leben wird.

Vereinfachen ist kein linearer Prozess

Wir geben nach und nach oder in einer Hau-Ruck-Aktion unsere Dinge weg, verabschieden uns von Verpflichtungen und Beziehungen, die uns nichts mehr bedeuten. Am Ende entsteht ein leerer Raum, der mit gut durchdachten Projekten, perfekten Objekten und tiefen Beziehungen wieder gefüllt werden will. Schön wär’s – oder wäre es das wirklich? Ich sehe Vereinfachen eher als einen chaotischen Prozess an – einem bei dem wir manchmal Riesenschritte machen, und dann scheinbar ewig nix passiert. Bei dem sich unsere Handlungen, Gewohnheiten und Einstellungen nicht unbedingt gleichzeitig oder auch nur ähnlich schnell in die gleiche Richtung entwickeln. Manche Dinge können wir nicht gehen lassen, weil sie viel Geld gekostet haben, einen sentimentalen Wert haben, was auch immer. Wir kaufen etwas im Impuls, das wir nicht brauchen, oder trauen uns nicht, eine alte Freundschaft zu beenden, die uns nichts mehr bedeutet. Gelassener lebt es sich, wenn wir akzeptieren, dass es Entwicklungssprünge und Rückschritte auf dem Weg zum einfacheren Leben gibt. Wir können trotzdem mit Neuem spielen und experimentieren, und brauchen nicht auf einen vollkommen leeren Raum zu warten.

Pausen können Wunder wirken

Manchmal stecken wir einfach fest. Für mich war das Badezimmer ein Bereich, in dem es eine Zeit lang nicht weiter ging. Aber auch damit, Dinge zu verschenken anstatt zu versuchen, sie zu verkaufen, ist mir lange schwer gefallen. Wir können das Vereinfachen auch einfach mal sein lassen und uns einfach eine Weile lang mit anderen Dingen beschäftigen. Manchmal brauchen Dinge eine Reifezeit, oder ein paar gute Gedanken, die uns ganz zufällig erreicht, damit sich unsere Einstellung ändert, um loslassen zu können. Der Groschen fällt oft ganz unvermittelt.

Vereinfachen ist kein Wettrennen

In der Berichterstattung zum einfacheren Leben werden oft die Extremminimalisten porträtiert – Leute, die nur noch 288 Dinge besitzen und ihren Job aufgegeben haben, um ihr Leben der Meditation zu widmen. Manchmal setzte mich das unter Druck – weil ich noch nicht so weit war, oder mir mein Leben so nicht vorstellen konnte. Mittlerweile habe ich Frieden damit geschlossen, dass das Vereinfachen bei mir lange dauert und das ich auf absehbare Zeit eine gemässigte Minimalistin bleiben werde, weil dies zu meinem Leben besser passt. Ich überprüfe von Zeit zu Zeit, dass mein Kompass in die richtige Richtung weist, aber ich versuche nicht mehr, so schnell wie möglich am Ziel anzukommen.

Einfachheit ist ein Gemütszustand

Klar nervt es mich manchmal, dass ich immer noch viel aufräume anstatt zu eliminieren. Dass ich ‚äußerlich‘ nocht nicht weiter bin. Julia schrieb neulich treffend: ‚[Das Vereinfachen] dauert deshalb so lange, weil es nicht der Prozess des Weggebens ist, der Minimalisten zu dem einfachen Leben führt, sondern das Bewusstwerden der alten Gewohnheiten und tiefsitzenden Gefühlen, die ein einfaches und freies Leben in dieser Gesellschaft bisher verhindert haben.‘
Ich sehe, dass ich mich in die richtige Richtung entwickle. Mein Zuhause ist einfach genug, um mir eine gewisse Unabgelenktheit zu bieten, die mir hilft zu entscheiden, ob ein neues Projekt meine Energie wert ist oder nicht. Meine innere Haltung zu Dingen ist wichtiger als die exakte Zahl meiner Besitztümer.

Kenne Dein Warum?

Bevor meine Tochter mit dem Laufen begann war Vereinfachen für mich längere Zeit kein Thema mehr. Seit einem knappen Jahr herrscht hier das Chaos – Aufräumen gehört nicht zu meinen Leidenschaften. Vereinfachen ist ein Muss, und Dinge, die zu nichts anderen benutzt werden als durch die Wohnung geschleift oder getragen zu werden, müssen gehen. Ziemlich starke Motivation. Manchmal aber lassen wir uns ablenken und verlieren das große Ganze aus den Augen. Zu wissen, was wir mit dem Vereinfachen erreichen wollen kann eine fantastische Motivation sein, wenn es mal nicht weiter geht.

Das Perfekte ist der Feind des Guten

Es geht immer noch einfacher. Ich war so stolz, als ich endlich die Chemie aus meinem Bad hatte. Dann entdeckte ich plastikfrei, und, schwupps, war es vorbei mit der Euphorie. Wir sollten uns mehr auf unsere Erfolgserlebnisse konzentrieren als auf die nie endende ToDo Liste des Entrümpeln. Stolz auf uns sein, wenn wir mit veganer Ernährung experimentieren, auch wenn in der Abstellkammer noch keine gähnende Leere herrscht, oder dann, wenn wir einen Sack Kleider spenden, unsere Butterbrote aber noch in Plastikdosen aufbewahren.

Leben ist jetzt

Wenn Deine Wohnung bis unter’s Dach voller Gerümpel steht und Du nichts wegwerfen kannst, hast Du vermutlich ein Problem, das Du Dir mal genauer ansehen solltest. Wenn nicht, finde ich, dass man Vereinfachungsprojekte auch mal verschieben kann – Ebay und co. können auch mal auf einen regnerischen Nachmittag oder lange Winterabende warten. Sonnige Tage verbringe ich auf der Wiese im Park oder mit Freunden am See (bzw heutzutage neben dem Plantschbecken). Ich möchte, trotz Krimskramsschublade, das Leben jetzt geniessen.

Inspiriert zu diesem Beitrag hat mich unter Anderem Annas Frage nach dem nächsten Schritt und Julia  die neulich darüber schrieb, warum das Vereinfachen so lange dauert.

Mich interessiert Deine Meinung. Vereinfachst Du ganz gelassen, oder wärst Du gern schon viel weiter?

Weiterlesen:
Teil 1: Was ist ein einfaches Leben?
Teil 2: Warum wir kaufen. Eine philosophische Betrachtung.
Teil 3: Warum wir kaufen – die Party im Gehirn.
Teil 4: Warum wir Dinge kaufen, die wir nicht brauchen.

12 Kommentare

  1. Das ist ein sehr guter Beitrag. Ich finde auch, dass man sich das Warum? genau anschauen sollte. Ich merk selbst wie mich das „vereinfachen“ und „loslassen“ oft überfordert, wenn ich alles auf einmal will. Alles mal einfach loslassen, weil jetzt halt „In“ ist, nur 1000 Dinge zu besitzen? Das kann auch nicht der Sinn des Minimalismus sein.

    • Liebes Fräulein, es ist wirklich wichtig, ab und an einen Schritt zurück zu tun, und, wie Julia schreibt, Gedanken zu sortieren. Ich muss jedenfalls regelmässig meinen Kopf entrümpeln, um nicht alles auf einmal zu wollen.

  2. Hallo,
    das sind wirklich tolle Gedanken zu dem Thema.

    Ich denke, dass es immer wieder ein Wechselspiel zwischen „Gedanken sortieren“ und „Gegenstände sortieren“ ist. Wenn sich in der Wohnung wenig tut, merkt man manchmal, dass man gerade seine Gedanken ordnet. Stagnation beim Entrümpeln ist ein guter Zeitraum, um nochmal sein Ziel zu prüfen und seine Motivation zu stärken.

    „Vereinfachen ist kein Wettrennen“ – Den Absatz finde ich besonders wichtig. Stagnation und Rückschritte gehören dazu, aber darüber wird einfach nicht so viel geschrieben (würde ja auch weniger Leser interessieren). Man muss erst lernen so etwas zu akzeptieren.

    Toller Beitrag und ich fühle mich geehrt, dass ich Dich zu so tollen Gedanken inspiriert habe. 🙂
    Liebe Grüße,
    Julia

    • Julia – treffend beschrieben: ein Wechselspiel zwischen “Gedanken sortieren” und “Gegenstände sortieren”. Ob uns das „Gegenstände sortieren“ manchmal wertvoller vorkommt, weil es anders als innere Prozesse sichtbareres Fortkommen ist?

  3. Für mich ist es wichtig, dass ich mich nicht selbst damit überfordere. Also man sollte den Minimalismus vielleicht auch minimalistisch angehen – kleine Schritte, als erstes einmal nichts Neues mehr anschleppen und Dinge verbrauchen.

    Mir hat bei der Umstellung auf „plastikfrei“ sehr geholfen, erst einmal aufzubrauchen, weil ich dadurch manche Bereiche einfach links liegen lassen konnte. Ich hatte noch genug davon und konnte mich auf andere Dinge konzentrieren, die jetzt abgeschlossen und in Fleisch und Blut übergegangen sind.

    Immer, wenn etwas ausgeht, informiere ich mich über den nächsten Schritt, der gerade ansteht. Also gerade im Bereich des Minimalismus sollte man den uralten, abgedroschenen Spruch „Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden“ beherzigen, Gewohnheiten abzulegen ist ein langsamer Prozess.

    Zu viel auf einmal kann auch Angst machen und zum Aufgeben führen.

    lg
    Maria

    • Liebe Maria – eine gute Erinnerung an die kleinen Schritte. Die Idee mit dem Aufbrauchen und sich dann Produkt für Produkt, Schritt für Schritt zu informieren finde ich super. Ich neige dazu, mich vom Hölzchen auf’s Stöckchen zu recherchieren – wenn mein Deo aufbgebraucht ist lade ich im weltweiten Netz trotzdem bei ‚No Poo‘, doch ich denke auch, dass wir Gewohnheiten am Besten langsam verändern.

      • Oh ja, das kenne ich auch. Da muss ich mich SOOO einbremsen! Ich verliere mich manchmal so in Details, dass ich gar nichts mehr erkennen kann…

        lg
        Maria

  4. Ich merke in letzter Zeit, dass ich mich stark abgrenzen muss zu Themen wie Vegan leben, Waschmittel selbst machen, Öko sein, Zero Waste. Das liest sich alles super interessant, verwirrt mich aber nur. Weil ich das nicht hinkriege und auch nicht bin. Mir das zu zeitintensiv ist. Ich werde auch keine Alpen überqueren und von 1 Kind auf 4 aufstocken – wie eine liebe Freundin. Dieses Abgrenzen, mir bewusst sagen, „toll, die Anderen machen das und das ist gut so, aber ich will das gar nicht.“ Ich muss auch nicht alles weiter auf Glas umstellen. Außer: ich hab Lust. Leider hab ich seit gestern wieder Lust. Also muss ich. 🙂 Es geht also immer wieder weiter. Ist ein Prozess. Gönn dir die Pausen. Das ist wichtig. Dann kommen wieder neue Ideen.

    Liebe Grüße
    Tanja

    • Tanja – eine gute Ergänzung – das Abgrenzen – und schön, wie Du beschreibst, dass es trotzdem weiter in die richtige Richtung geht.

  5. Pingback: Der nächste Schritt, Teil 2. | von allem zu viel.

  6. Hallo,
    bin gerade über diesen Beitrag gestolpert, der mich sehr angesprochen hat.
    Ich finde du hast das sehr schön auf den Punkt gebracht.

    Wollt ich nur mal gesagt haben. 🙂

    lg
    iris

Kommentare sind geschlossen.