Gelesen im Februar

Nachdem mich Trump und Brexit so unvorbereitet getroffen haben, merkte ich, dass ich mich wohl zu sehr in meinem Weisse-Mittelschichts-Mittdreissiger-Mama-Filterbubble verkrochen habe. In diesem Jahr habe ich mir vorgenommen, generell weniger von und über Leute wie mich zu lesen. Weniger Elternratgeber (die werden generell nur für Leute wie mich geschrieben 🙂 ), mehr Literatur, die mein Weltverständnis erweitert und mich dadurch zu einem liebevolleren Menschen macht. Da ich selbst viele Bücher durch Empfehlungen im Netz entdecke, teile ich mit Euch, was ich gelesen habe:

In Stadt der Lügen: Liebe, Sex und Tod in Teheran stellt Ramita Navai acht Porträts “gewöhnlicher Leute, die gezwungen sind, ein ungewöhnliches Leben zu führen” vor. Die Geschichten, vom Kleinkriminellen über den Waisen von linken Regimegegnern bis hin zu der jungen Frau, die sich gegen ihre religiöse Überzeugung scheiden lässt, spielen rund um die frühere Prachtstraße Vali Asr, die sich auf einer Nord-Süd-Achse durch Teheran zieht. Das Buch gibt einen Einblick in das Leben im Iran heute; dabei interessiert sich Navai vor allem für die arme Bevölkerung im Süden der Stadt, vom dem auch ihre Freunde wenig wissen. Das Bild ist also kein Rundes. Die Doppelmoral ist unbegreiflich, das Gefühl der Unterdrückung spürbar; Menschen leben in der permanenten Angst, für irgendetwas entdeckt zu werden. In vieler Hinsicht genau das richtige Buch für mein Vorhaben, und unbedingt empfehlenswert.

Die The Underground Railroad war ein informelles Netzwerk aus Gegnern der Sklaverei, welches Sklaven auf der Flucht aus den Südstaaten der USA in den sicheren Norden Hilfe bot. In Colson Whiteheads Buch ist die “Untergrundeisenbahn” kein Sinnbild, sondern ein geheimes Netz aus Gleisen und Stationen, mit dessen Hilfe Sklavenmädchen Cora der Baumwollplantage und ihrem masochistischen Besitzer entkommt. Brutale und viele traurige Szenen, spannend erzählt. Bisher gibt es das Buch noch nicht auf Deutsch, bin mir aber sicher, das ändert sich. Lesenswert.

Zwei Londoner Mädchen lernen sich beim Ballettunterricht kennen. Tracy hat Talent und wird professionelle Tänzerin, die Icherzählerin wird persönliche Assistentin vom Aimee, einer berühmten Sängerin vom Kaliber Madonna. Swing Time ist ein Buch über eine schwierige Freundschaft und multi-ethnische Identität, in Rückblenden zwischen Afrika und dem Nordwestlondoner Sozialwohnungsbau erzählt. Den Erzählstrang rund um Tracy fand ich hervorragend, der um Aimee hatte zum Teil Längen. Trotzdem gern gelesen.

Der (Unter-)Titel, Is That All There Is?: Thoughts on the Meaning of Life and Leaving a Legacy, und die Tatsache, dass Autorin Julia Neuberger Rabbinerin und Aktivistin ist, haben mich dieses Buch aus der Bibliothek mitnehmen lassen. Neuberger beschäftigt sich in diesem Buch mit dem, was unser Leben (er-)lebenswert macht: Freundschaften und Beziehungen, dem Wert harter Arbeit, die Flüchtigkeit materiellen Besitzes, Verlust und Sterben. Klingt erst mal vielversprechend, doch leider war der Titel (Ist das alles?) hier Programm. Gerade im mittleren Teil des Buches habe ich viele Stellen quergelesen. Langatmige Ausführungen dessen, was in der Gesellschaft falsch läuft, aber wenig Hilfreiches dazu, wie wir es besser machen könnten. Aufgrund der Zusammenfassung des Verlages hatte ich mir Gedankenanstöße oder konkrete Hinweise versprochen. Fehlanzeige. Zeitverschwendung.

Habt Ihr Buchempfehlungen, die zu meinem Vorhaben passen? Dann immer her damit.