Gelesen im Mai

Wer Bücher für den Strandurlaub sucht wird dieses Mal wohl nicht fündig. Über herzlose Erziehung, Krebs und Sterben möchtet Ihr im Urlaub vielleicht nicht lesen. Eines der Bücher kann ich Euch trotzdem empfehlen.


Die meisten Menschen hoffen darauf, zu Hause im Kreise ihrer Lieben aus dem Leben zu scheiden und auf dem Sterbebett noch ein paar kluge Worte zu sagen. Die Realität sieht hier in England anders aus: über 50 % sterben im Krankenhaus und nur wenige Menschen im Hospiz. Der Gastroenterologe Seamus O’Mahony argumentiert in The Way We Die Now dass wir als Gesellschaft von Kontrollwahn und Individualismus so besessen sind, wir uns unserer Sterblichkeit nicht mehr stellen wollen. Unser Verhältnis zum Tod zeichnet sich durch unrealistische Wunschvorstellung und Unsterblichkeitsfantasien aus. Einen guten Tod, sagt er, gibt es nicht.
Während ich die Intention des Autors – also eine Diskussion über die Art, wie wir mit dem Tod umgehen – gut und wichtig finde, habe ich das Buch nach der Hälfte frustriert gegen die Wand geschleudert und den Rest auf der Suche nach konstruktiven Hinweisen quergelesen – Fehlanzeige. Eine Empfehlung für Leute, die stilistisch mäßige Bücher von pessimistischen, alten weißen Männern mögen.


Der erfolgreiche Neurochirurg Paul Kalanithi ist in den letzten Zügen seiner Ausbildung als er er eine Krebsdiagnose erhält. Bevor ich jetzt gehe: Was am Ende wirklich zählt – Das Vermächtnis eines jungen Arztes ist seine Autobiographie, geschrieben im Jahr vor seinem Tod, beendet von seiner Frau, eine Mischung aus Erinnerung, Trauerarbeit und Analyse großer Fragen. Er beschreibt seinen Lebensweg und den Weg vom Arzt zum Patienten. Das ist oft bewegend. Insgesamt hätte ich lieber weniger über das Arbeitstier und Details von Hirn-OPs gelesen, und mehr Reflexionen. Insgesamt ist es interessant zu lesen.


“Genauso war es bei uns“, sagte meine Tante immer wieder, während sie Nachkriegskinder: Die 1950er Jahrgänge und ihre Soldatenväter las. Das macht die Lektüre für mich um so beklemmender. Nachkriegskinder erzählt anhand von Zeitzeugeninterviews, wie es sich anfühlte, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aufzuwachsen. Es liest sich gruselig: Kein Körperkontakt nach der frühsten Kindheit, dafür Schläge, im Keller einsperren, explosive und depressive Hausherren, Väter, die nicht darüber sprechen, was sie im Krieg erlebt haben, und (im besten Fall) passive Mütter.
Das Buch lässt die Generation meiner Eltern besser verstehen, und ich nehme sie in jedem Fall nun anders wahr. Es ist unglaublich, wie viel sich in den letzten 60 Jahren getan hat – und wieviel sich noch tut. Die Unsicherheit der heutigen Elterngeneration (also uns) wird gern beklagt, doch es ist allemal besser, nach neuen Wegen zu suchen. Lesenswert.


Toni Morrison ist eine Größe der amerikanischen Literatur. Mit Gott, hilf dem Kind habe ich nicht gerade ihr bestes Buch erwischt. Für ihre zu dunkle Hautfarbe von ihrem Vater verlassen und ihrer Mutter bestraft, wächst Bride ohne Liebe und Zuwendung auf. Als Erwachsene findet sie als Vertreterin in der Kosmetikbranche einen Weg, das Beste aus sich zu machen und findet mit dem geheimnisvollen Booker auch Liebe. Als Booker sich enttäuscht von ihr abwendet, macht sie sich auf die Suche nach ihm und entdeckt auf dem Weg viele dunkle Geheimnisse.
Ich wünschte mir, dass Buch hätte doppelt so viele Seiten gehabt, um die Charaktere und Geschichten voll auszuarbeiten. So war ich trotz des wirklich fantastischen Stils und der eigentlichen Handlung das Gefühl, als Leserin zu kurz zu kommen. Schade.

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