Der schwarze Freitag und Gedanken zu Geschenken

REalitätscheck of der Oxford Street - ja, die Leute kaufen noch

Heute ist “Schwarzer Freitag” – der Tag nach Thanksgiving, der die Vorweihnachtszeit einläutet, und der Tag, an dem regelmäßig Menschen beim Shoppen verletzt werden oder ums Leben kommen (makaber aber wahr ist diesen Vorkommnissen eine eigene Webseite gewidmet – Black Friday Death Count).

Auch ich mache mir langsam Gedanken um die Weihnachtsgeschenke für meine Lieben. Mir fällt es schwer, anderen Geschenke zu machen. Das war schon immer so. Der Versuch, selbst einfacher zu leben, macht es mir nicht leichter. Vielleicht ist mein Anspruch zu hoch. Mein Vater sagte immer, man solle etwas schenken, was dem Anderen eine Freude bereitet, was er sich aber selbst nicht gönnt. Gibt es das eigentlich heute noch?

Wir haben alles, was wir brauchen, und mehr. Jemandem etwas zu schenken, was er sich selbst nicht gönnen würde, wäre wahrscheinlich oft teuer – und unangemessen, wenn der Schenkende selbst etwas Kleines schenkt. Denn mit jedem Geschenk geht ja auch die unausgesprochene Vereinbarung einher, ein Gegengeschenk zu machen. Vielleicht sind es auch die Kindheitserinnerungen, die mit physischen Geschenken verbunden sind. Ein Teil in mir wünscht sich, meine Liebsten mit großer Spannung die Tage bis zum Fest zählen und dann mit Verzückung ein wunderbar eingepacktes Geschenk öffnen zu sehen. Wir Erwachsenen tun dies nur leider selten, und Miss Bee ist noch zu klein für Vorfreude.

Überraschungsgeschenke, die die Augen leuchten lassen, sind selten. Eine liebe Freundin schenkte mir einmal eine Wärmflasche. Jedes Mal, wenn ich Wasser koche, um sie zu füllen, denke ich mit großer Dankbarkeit an diese Freundin, obwohl wir heutzutage nur sehr sporadisch Kontakt miteinander haben. Im Idealfall wäre jedes Geschenk so Eines, doch viele dieser Art fallen mir nicht ein.

Ich selbst brauche ganz selten Dinge. Meist wünsche ich mir was anderes – Ruhe, eine Tasse Tee, Zeit, ein Buch zu lesen. Wünschen sich andere das auch? Und: Ist Dinge schenken nicht auch ein bisschen out? Statt dessen schenkt man heute doch eh “Erlebnisse” oder “Zeit”. Das klingt gut. Funktioniert es auch? Innerlich merke ich, dass nur ein physischer Gegenstand ein “richtiges” Geschenk ist. Vielleicht sind meine Gutscheine zu schlecht designed oder werden aus einem anderen Grund nie eingelöst. Eine Freundin erzählte mir mal, sie habe ich eine Stück Regenwald zu Weihnachten gewünscht und war dann doch enttäuscht, als sie das Zertifikat in der Hand hielt. Vielleicht klingt so ein Geschenk aufregender als es ist.

Selbstmachen? Einen Schal, den ich selbst stricke, würde niemand tragen wollen. Wenn ein selbstgemachtes Geschenk nicht gefällt würde ich das wohl persönlich(er) nehmen. Auf Geschenke verzichten? Meist hält sich der Eine nicht an die Vereinbarung, und der Andere steht ein bisschen dumm da. Ausserdem ist es an sich doch eine schöne Tradition, sich zu beschenken.

Kurz: Weihnachten und Geburtstag setzten mich unter Druck und Konsumzwang. Ich frage mich, ob ich nicht doch noch ziemlich in den Fängen der Konsumgesellschaft stecke. Wir zeigen mit Geschenken unsere Liebe – und je besser/teurer das Geschenk, desto größer die Liebe?

In diesem Jahr versuche ich mit Folgendem meine Zuneigung zu zeigen:

  • Dinge: Für meine Tochter gibt es Sachen – Ein Buch (oder auch zwei), Holzperlen, Besen und Schaufel. Alles wird sie super finden. Ein Kleinkind kann man leicht glücklich machen. Meine Eltern bekommen ein Fotobuch ihrer Enkelin.
  • Erlebnisse: Für den Liebsten gibt es einen Restaurantbesuch (mit mir!). Tischreservierung und Babysitter sind organisiert, ebenso eine schönen Karte. Dieses Jahr mal kein hektisch zusammengestellter Gutschein, der dann doch nie eingelöst wird.
  • Worte: Selbstmachen ist nicht mein Ding, selber schreiben aber schon. Meine FreundInnen bekommen Karten und Briefe – wer freut sich nicht, wenn mal was anders als eine Rechnung im Briefkasten liegt?

Neulich las ich etwas Schönes, was mir dabei half, meine Angst vor dem Schenken etwas zu verringern: Schenke freigiebig und lass das Geschenk in dem Moment los, in dem Du es weggibst. Der Empfänger darf damit machen, was er möchte – ihm den besten Platz in seiner Wohnung einräumen, es weiterverschenken, oder in die Tonne kloppen. Deine Intention ist, was zählt. (Oder so ungefähr).

Legt Ihr etwas unter den Weihnachtsbaum? Und bereitet Euch dies Freude?

Zum Weiterlesen:
Wer noch Ideen braucht findet eine lange Liste minimalistischer Geschenke im “Ultimate Clutter-Free Gift Guide” auf dem englischen Blog Slow your Home.
Das Fräulein im Glück versucht gerade, das bewusste Schenken umzusetzen. Hier die Ergebnisse eines Praxistests.

10 Kommentare

  1. Ich finde, dass der Gedanken: „Ich schenke von Herzen, was immer der andere damit macht… es ist o.k.“ sehr erleichternd. SO wünsche ich mir das!

    *ins eigene merkheft schreib*

    • Ja – ich bin selbst noch nicht dort. In mein Merkheft gehört dieser Satz also auch.

  2. In meiner Familie schenken wir uns „nur“ an Geburtstagen etwas, dann auch keine Riesengeschenke, sondern kleinere Dinge. Hierbei finde ich es dann recht einfach etwas passendes zu finden, ich achte über das Jahr verteilt immer darauf, wobei die andere Person leuchtende Augen bekommt und kaufe das dann.

    An Weihnachten bekommen nur die Kleinen richtige Geschenke, wir Großen schenken uns wenn überhaupt sogenannte Familiengeschenke, z.B. Spiele, die uns allen schöne Stunden bringen. Aber auch die sind kein Muss, wichtiger ist uns ein ruhiges und entspanntes Fest zu feiern, ganz ohne Geschenkestress und Angst davor, dass der andere vom Geschenk enttäuscht ist.

    Ich finde es schade, wenn Geschenke als Zeichen für Wertschätzung der anderen Person gesehen werden, frei nach dem Motto: Umso teurer, umso lieber hast du die andere Person. Das hat uns die Industrie ganz hervorragend eingetrichtert.

    • Ich glaube, ich muß diese Befreiung vom Geschenkezwang in meiner Familie noch einmal ansprechen; bisher haben Abmachungen nicht funktioniert. Vielleicht sind die Anderen/wir alle zu indoktriniert von der Weihnachtsindustrie. Die Idee von Familiengeschenken finde ich toll – die Idee, dass die Familie Zeit zusammen verbringt zum Beispiel um zu spielen noch viel Schöner.

  3. Hoffentlich lesen deine Beschenkten nicht mit 🙂 Ich finde Geschenke zum Aufessen – zum Bsp. selbstgebackene Kekse, Lebkuchen, Knäckebrot, Kräuteröle, etc. – immer ganz schön. Fotogeschenke und Erlebnis / -zeitgeschenke finde ich auch toll. Kaufen möchte ich eigentlich nur noch Dinge, von denen ich sicher weiß, dass sie gut ankommen. Ich bin auch dankbar, wenn die Leute fragen,ob ich mir was wünsche!

  4. Ich verschenke seit Jahren jedes Jahr Fotokalender, die ich jeweils einem Thema widme. War es am Anfang nur die Familie, so bekommen mittlerweile auch Freunde und Personen, die im zurückliegenden Jahr wichtig für mich waren, ein solches Präsent.

    Ich weiß mittlerweile auch, dass einige jedes Jahr schon sehr auf die Neuausgabe warten …

    Es gab nun schon ein oder zwei Jahre, wo ich ausschließlich dieses Geschenk gemacht habe. Eine extra Kleinigkeit (z. Bs. ein Buch oder etwas, was sich ein Kind wirklich wünscht) gibt es dann nur noch für Nichte, Neffe, Patenkind und dessen Bruder.

    Viele Grüße aus Berlin,
    Anja

  5. Pingback: Ich sehe black: Weihnachtliche Shoppingwut & Werte | Verrücktes Huhn - Neues aus dem wahren Leben

  6. Eigentlich suche ich gerne nach Geschenken und oft finde ich auch das ‚perfekte‘ Geschenk für die jeweilige Person. Wobei das auch von Person zu Person variiert.
    Manche Menschen sind einfach leicht zu begeistern und zu beschenken.

    Allgemein gibt es bei uns die Grundregel:
    „Geschnke müssen essbar, trinkbar oder brennbar sein.“

    Freunden schenke ich zu Weihnachten gerne selbstgebackenes

  7. Oh, schöner Post! Ganz zufällig habe ich eben zum selben Thema geschrieben, hier: http://www.kokonausluft.de/2014/11/geschenkideen-geschenke/

    Ja, die Idee mit dem freigiebigen Schenken funktioniert für mich gut. Seit ich den habe, macht mir das Schenken viel Spaß und ist auch nicht mehr so sehr an Anlässe wie Weihnachten, Geburtstage etc. gebunden. Ich mag die zwar, aber ich denke schon, allein dadurch, dass es einen sozialen Druck gibt, an solchen Festen etwas zu verschenken, ist es gar nicht so leicht, tatsächlich aus freiem Herzen zu schenken.

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