Grüne Vorsätze zwischen fairer Kleidung und gesellschaftlichem Engagement

Manchmal, nein, sehr oft sogar, wenn ich die Kritik am Nachhaltigkeitshandlungen von Leuten wie mir (= gut ausgebildeter, weißer Mittelklassemensch mittleren Alters mit durchschnittlich vielen Kindern und hohem Umweltbewusstsein) lese, ist meine erste Reaktion, den Kopf schamvoll in den Sand zu stecken. Ja, ich bin gut darin, kleine Alltagshandlungen grüner zu machen. Dann, wenn es megaeinfach ist. Ich kenne alle gängingen Tipps zur Müllvermeidung, füttere meine Kinder mit Biogemüse und fahre meistens mit dem Fahrrad.

Der ökologische Fußabdruck

Allerdings: Es gibt keinen signifikanten Unterschied im ökologischen Fußabdruck derer, die sich für ebendiesen interessieren und den Menschen, denen er egal ist. Der britische Aktivist George Monbiot fasste neulich im Guardian eine in Deutschland durchgeführte Studie zu Einstellungen und Umwelthandeln die Gründe dafür folgendermaßen zusammen:

Warum? Weil Umweltbewusstsein unter wohlhabenden Menschen höher ist. Es sind nicht Einstellungen, die unsere Auswirkung auf den Planeten bestimmen, sondern das Einkommen. Je reicher wir sind, desto größer ist unser Fußabdruck, ungeachtet unserer guten Intentionen. Diejenigen, die sich als grüne Konsumenten ansehen, so die Studie, konzentrierten sich vor allem auf solche Handlungen, die “relativ kleine Nutzen” haben.
Ich kenne Leute, die ihren Müll peinlich genau trennen, ihre Plastiktüten aufbewahren, das Wasser in ihren Wasserkesseln abmessen, und dann ihren Urlaub in der Karibik verbringen, und somit jegliche Umweltersparnisse um ein Hundertfaches aufheben. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass recyceln ihnen die Erlaubnis zum Langstreckenflug gibt. Es überzeugt Leute davon, dass sie nun “grün” sind, und es ermöglicht ihnen, ihre größeren Auswirkungen zu übersehen.

(Übersetzung von mir, den Artikel kannst Du hier nachlesen)

Natürlich ruft auch Monbiot nicht dazu auf, den Kopf in den Sand zu stecken:

Das bedeutet nicht, dass wir nicht versuchen sollten, unseren Fußabdruck zu reduzieren, wir sollten uns nur der Grenzen dieses Ansatzes bewusst sein. Unser Verhalten im System kann nicht die Ergebnisse des Systems verändern. Es ist das System, das sich ändern muss.

Solche Kritik kann immer wieder Anlass bieten, sich einerseits nicht als Gutmensch zu fühlen, nur weil mensch Biogemüse kauft und andererseits Glaubenssätze zu hinterfragen und zu schauen, ob mensch nicht doch mehr machen kann. Wenn es unbequem wird, das eigene Verhalten umzustellen können wir uns schnell herausreden: Wir können die anprangern, die kein Umweltbewusstsein zeigen und billige Massenware kaufen. Wir können uns mit dem zufriedengeben, was wir schon tun. Wir können mit dem Finger auf „die Politiker” oder „die Unternehmen” oder “das System” zeigen und achselzuckend hinnehmen, dass wir als Einzelne ohnehin nichts ändern können.

Stimmt schon.

Das ist für mich aber keine Option. Ich scheitere oft, will aber weiterhin meinen kleinen Beitrag leisten: Ohne Auto leben, Gemüsekistenabo behalten und selbst kochen, Gebraucht kaufen, von uns Ungenutztes verschenken, Leitungswasser trinken, Wäsche bei niedriger Temperatur waschen und weitgehend lufttrocknen, auf scharfe Reinigungsmittel verzichten, Naturkosmetik benutzen….

Grüne Vorsätze

Den Jahreswechsel habe ich zum Anlass genommen, um grüne Vorsätze zu fassen. Einerseits, um mir klar zu werden, in welchen Bereichen ich mein eigenes Handeln nachhaltiger gestalten kann, auch, wenn es unbequeme Umstellungen erfordert und ich mich einsetzen kann, um auf einen Systemwandel hinzuwirken. (Spoiler: in mir steckt wenig Revoluzzer, deshalb ist dieses Engagement ziemlich zahm). Andererseits aber auch, welche Baustellen ich zu diesem Zeitpunkt bewusst hinten anstellen will, weil Aufwand und Gewinn in keinem günstigen Verhältnis stehen.

Virtuellen Wasserverbrauch verkleinern:

Alle diskutieren immer wieder über To Go Becher. Böse, ganz böse – oder? Über den Elefanten im Raum – den Kaffee und seine Produktion – wird dagegen kaum geredet. Es ist verhältnismäßig leicht, auf Mehrwegbecher umzusteigen, der Verzicht auf das Heißgetränk fällt deutlich schwerer (mir auch). Doch mit jeder Tasse Kaffee trinken wir 140 Liter Wasser, die zu seiner Herstellung verbraucht wurden. Um 1 Kilogram Kakaobohnen zu produzieren braucht es 27.000 Liter Wasser. Auch bei Fleisch und Milchprodukten ist die Bilanz düster. Die Auswege daraus heißen Verzicht und, wenn das nicht geht, fair/bio. Bei mir wird es eine Kombination aus Beidem, mit Blick auf die weitgehende Reduktion. Kaffee, Schokolade und im gewissen Sinne auch Fleisch waren mal Luxusgüter. Zu dem Punkt werden wir auch gesellschaftlich wieder kommen, das ist nur eine Frage der Zeit. (Mehr über virtuelles Wasser)

Treibhausgasemissionen aus Flügen konsequent kompensieren:

Ich weiß, ich weiß, das ist ein richtiger Gutmenschenvorsatz. Big girls don’t cry, eco warriors don’t fly! Flugemissionen lassen sich nur vermeiden, wenn wir nicht fliegen! Kompensationsmaßnahmen sind Ablasshandel! Nur: Im Moment finde ich für uns als Familie keinen anderen Ausweg. Wir wohnen auf einer Insel, wollen ab und an unsere Familien sehen und langjährige Freundschaften pflegen, indem wir an wichtigen Ereignissen teilnehmen. Mein Mann will auch Urlaub außerhalb Großbritanniens machen. Im Moment sehe ich also atmosfair als einzig gangbaren Weg an. Ändert sich hoffentlich auch wieder.

Sauber anziehen:

Bisher ist meine Garderobe so eine Mischung aus Second Hand Kleidung und Neuware ziemlich gemischter Herkunft. Neue, faire Kleidung fand sich bis vor Kurzem nicht in meinem Kleiderschrank. Das liegt an meinem Stilempfinden, meiner Körpergröße und einer großen Portion Lethargie. Ich will aber nicht mehr hinnehmen, dass Leute leiden, damit ich – und meine Kinder – was zum Anziehen haben. Soll heißen: was ich nicht gebraucht bekomme, suche ich fair produziert. Ein wenig skeptisch bin ich noch, ob es klappt, aber ich werde Euch berichten.

Gesellschaftlichen Engagement: Seit ich meinen Job in einem Umweltprojekt in einem eingetragenen Verein an den Nagel gehängt habe, bin ich Mitorganisatorin eines Filmclubs zum Thema Nachhaltigkeit. Als neues 2er-Team haben wir diese schon länger bestehende Projekt in meiner Nachbarschaft übernommen. Tatsächlich haben mich die Filme zum Nachdenken und Andere zu Verhaltensänderungen angeregt. Die Filmabende bringen Leute aus der Umgebung zusammen, und ich glaube, dass ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl letztlich für den nötigen Systemwandel unabdingbar ist. Weil mir – fachlich – mein Job tatsächlich fehlt, gibt es noch ein weiteres Projekt, an dem ich ab Februar verstärkt mitwirken will, wenn Little M an zwei, drei Vormittagen in der Woche in den Kindergarten geht.

Und jetzt bin ich neugierig: habt Ihr bestimmte “grüne” Ziele, die Ihr erreichen wollt? Glaubt Ihr, Ihr könnt im Kleinen die Welt verändern, oder bringt das alles nichts?

2 Kommentare

  1. Schön geschrieben und inspirierend!
    Ich finde durchaus dass man im Kleinen viel verändern kann…. wenn viele Leute auf einige grundlegende Dinge achten kommt doch das System erst ins Rütteln und Neues (besseres) kann entstehen!
    Wir leben mit unseren zwei Kindern ohne Auto in einer Stadt, erledigen alles zu Fuß, mit dem Fahrrad oder den Öffentlichen und kaufen Obst und Gemüse verpackungsfrei auf dem Markt. Außerdem habe ich es geschafft unser Bad nun plastikfrei zu gestalten…. ich finde jede Kleinigkeit zählt 🙂

  2. Hallo Daija!

    Mein Dauerkampfthema ist das Auto. Ich will nicht darauf verzichten, obwohl ich – zumindest im Privatbereich – doch das meiste auch ohne Auto schaffen würde.

    Als mein Auto 3 Wochen lang in der Werkstatt war, ist es ja auch gegangen. Aber wenn ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln arbeiten fahre, bin ich täglich ca. 80 Minuten länger unterwegs als mit dem Auto. Das tut schon echt weh.

    Und für meine Lebensmittelrettungsaktionen brauche ich auch ein Auto, denn 6-8 Bananenschachteln voll mit Lebensmitteln, die sonst im Müll landen würden, das schleppe ich halt weder zu Fuß noch mit dem Fahrrad (trotz Anhänger) nicht.

    Selbstverständlich lege ich Fahren zusammen und vermeide unnötige Fahrten. Aber oft denke ich andere schaffen es doch auch ohne Auto, warum ich nicht?

    Dazu müsste ich mein Leben komplett verändern, vermutlich sogar übersiedeln, damit ich nicht mehr so weit weg bin von der Arbeit.

    Dazu bin ich nicht bereit. Ich denke, jeder hat so seine Grenzen.

    lg
    Maria

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