Hier, zwischen den Jahren

Ich liebe die Zeit zwischen den Jahren. Der Advent ist immer und trotz aller guter Vorsätze eine hektische Zeit. Vielleicht können wir so gut planen wie wir wollen; für die Kinder ist es eine aufregende Zeit, und wir hatten viele schöne Momente, aber es war nicht immer besinnlich. Jetzt fühlt es sich an, als hätte jemand an Weihnachten den Schalter vom schnellen, vollen Leben in die Gegenwärtigkeit umgelegt.

Shoppen statt Familienzeit

In die Zeit zwischen den Jahren fällt in Großbritannien der Höhepunkte des Shoppingjahres. Was in Amerika der Black Friday ist, ist hier der Boxing Day. Überall gibt es „Sale“, um die Leute direkt nach dem weihnachtlichen Konsumrausch in die Geschäfte zu locken. Allerdings gibt es das schon seit einigen Wochen, sodass ich nicht weiß, ob die Sonderangebote wirklich Leute aus ihren Häusern locken. Im Park war es jedenfalls voll, und das ist doch ein gutes Zeichen. Gleichzeitig fühle ich mich (wie so oft) privilegiert; die britischen „Bank Holidays“ sind nicht das Gleiche wie Feiertage im deutschsprachigen Raum und oft haben nur die Leute frei, die 9-to-5 Bürojobs haben. Wir haben noch weitere Familientage, die anderen verwehrt bleiben, weil es scheinbar genug Menschen gibt, die am Neujahrstag einkaufen wollen.

Ich denke viel über Auswege nach, und darüber, wie ich, wir aus diesem hektischen Leben aussteigen können, in denen ein Konsumfest das nächste jagt und in dem wir standardmäßig gestresst sind. Mir ist schon klar, dass die wenigsten auf ihren Job verzichten können oder wollen, so wie ich es derzeit tue. Ich weiß nicht, wie die Antwort aussieht – also auf die Frage wie wir alle ein gutes, reiches Leben führen können, ohne den Planeten für die, die nach uns kommen, vollkommen zu ruinieren. Minimalismus und Achtsamkeit können mir im Alltag mehr Raum geben, doch mich beschleicht das Gefühl, ich versuche ein gesellschaftliches Problem auf der individuellen Ebene zu lösen. Irgendwie ist das System kaputt, und der Weg in ein neues ganz unklar.

Immer und überall

Vielleicht mag ich die Zeit zwischen den Jahren so sehr, weil sie eine Pause von der Selbstoptimierung bietet, bevor es mit den Neujahrsvorsätzen los geht. Vor Weihnachten musste ich mir selbst eingestehen, wie stark mich soziale Medien beeinflussen. Ich kann keine Plätzchen mehr ohne das Gefühl des Versagens backen, weil sie nicht zuckerfrei, glutenfrei und vegan sind. Die gesamte Adventszeit quälte mich der Gedanke, ich würde den Kindern wichtige Entwicklungsmöglichkeiten rauben, wenn kein Holzregenbogen unter dem Weihnachtsbaum steht. Die erste gute Nachricht ist, dass beide Kinder leben, heiter und wohlauf sind, obwohl es second hand Geschenke und reichlich bunte Streusel auf ganz herkömmlichen Plätzchen gab. Die Zweite, dass Bewusstwerden ja tatsächlich hilft, Gedanken und Gefühle und Verhalten in eine andere Richtung zu steuern.

Wir leben in einer 24-7 Gesellschaft in der alles jederzeit verfügbar ist. Wir können jederzeit einkaufen oder uns mit anderen Menschen treffen, auch wenn es Samstag morgens um 4 Uhr virtuell ist. In meinem (virtuellen) Umfeld gibt es jetzt mehrere Leute, die (teilweise) aussteigen, die ihre Facebook Konten deaktivieren, nicht mehr auf Twitter vorbeischauen oder weniger bloggen. Und so habe ich in den letzten Monaten immer wieder überlegt, liebevoller leben ganz einzustellen. Ich habe mich dagegen entschieden; ich möchte hier weiterhin öffentlich nachdenken, und dabei in Zukunft weniger auf der Suche nach einer Nische sein, dafür mehr auf der Spur interessanter Fragen.

Euch allen ein neues Jahr voller Zufriedenheit, Gesundheit und spannender Fragen!

3 Kommentare

  1. Hallo Daija!

    Ich mag Deinen Ansatz – nicht mehr auf der Suche nach einer Nische sein, dafür mehr auf der Spur interessanter Fragen.

    Bin schon gespannt auf Deine Fragen, auch wenn es nicht immer eine Antwort gibt darauf.

    Von ganzem Herzen wünsche ich Dir ein gutes neues Jahr!

    lg
    Maria

    • Liebe Maria

      vielen Dank für Deine guten Wünsche. Ich mag auch Deinen „neuen“ Ansatz.

      Ganz herliche Grüße und ein gutes, gesundes neues Jahr Dir!

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