Mein Kind will nicht schlafen lernen – und das ist gut so

Ich liege neben Miss Bee im Bett und lausche, wie ihr Atem langsamer, ruhiger, tiefer wird. Nach unserem Abendritual hat sie langsam ausgezappelt, und verabschiedet sich, ihre kleinen Ärmchen um meinen Hals geschlungen, sanft ins Träumeland.

Manchmal bittet sie mich in diesen Minuten, ihr noch eine Geschichte zu erzählen („Mog!“) oder ein bestimmtes Lied vorzusingen. Oft aber schmiegt sie sich einfach an mich, gähnt, versucht die Augen aufzuhalten, und gleitet trotz aller guten Vorsätze langsam, aber sicher in den Schlaf. Wenn sie schläft, stehe ich langsam auf und genieße meinen „Feierabend“. Davor genieße ich die Momente des intensiven Zusammenseins.

Ich wünschte, ich hätte schon früher die Fähigkeit gehabt, den Zauber dieser Momente zu erkennen. Heute ist das Zubettgehen friedlich. Früher habe ich diese Zeit gehasst – erst die witching hour, das Abendessen machen, während das Kind greinend an meinem Hosenzipfel hängt, den Kampf beim Zähneputzen, die täglich scheiternden Versuche, das Zimmer zu verlassen, bevor Miss Bee fest schläft. Jedes Kind kann schlafen lernen, und während ich mir sicher war, dass drastische Methoden nicht mein Weg waren, dachte ich doch, ich müsse meinem Baby langsam aber sicher beibringen, allein zu schlafen. Heute glaube ich, dass das Blödsinn ist.

Miss Bee ist ein fröhliches und gleichzeitig sehr willensstarkes Kind. Was sie nicht will, will sie nicht. So lernte sie, ein ansonsten überaus durchschnittlich begabtes Kind, im zarten Alter von 20 Monaten, ihren Schlafsack auszuziehen und aus ihrem Gitterbettchen zu klettern. Zum Einschlafen allein lassen, vorher immer mal einen Versuch wert, war spätestens dann keine Option mehr, denn blieb ich nicht im Zimmer kam sie eben in meines.

Ich hätte mir viel Zeit und sehr viele Nerven sparen können, wenn ich akzeptiert hätte, dass sich mich bei sich haben möchte, ganz nah, wenn sie einschläft. Nicht mehr, und nicht weniger. Akzeptiert, dass mein Kind mich – das Gefühl der Geborgenheit, das ich ihr geben kann – braucht, um die Augen schliessen zu können. Dass ein dunkles Zimmer ein furchterregender Platz für sie ist, selbst, wenn ich ihr sage, dass ich gleich nebenan im Wohnzimmer bin und aufpasse, dass ihr nichts passiert. Dass sie nicht, auch nicht mit sanften Methoden, lernen will allein einzuschlafen. Vor allem aber, dass „allein einschlafen“ kein Meilenstein ist, wie der Pinzettengriff, laufen lernen oder das erste Wort. Und selbst wenn, dass ich so wenig wie bei anderen Meilensteilen, nachhelfen kann, dass er schneller erreicht wird. Sondern einfach etwas, was irgendwann von allein passieren wird (ich habe jedenfalls noch keinen Teenager kennengelernt, dem Mama zum Schlafen die Hand halten muss – oder dürfte, wenn sie wollte).

Jesper Juul sagt: „[Eltern] sind nicht von der Erziehung gestresst, sondern vom Erfolgsdruck. Drei Tage schlafen meine Kinder schon nicht ein. Bin ich eine schlechte Mutter? Was uns so anstrengt, ist ja diese Verpflichtung, zu erziehen. Dabei kann ich mir auch vornehmen, meine Kinder in den kommenden Wochen einfach zu genießen. Dann lerne ich, dass es auf meine Haltung ankommt. Was Kinder wirklich brauchen, ist, dass sie einfach nur dabei sind und die Eltern sich über sie freuen.“ (Quelle)

Heute ist das Zubettgehen friedlich, weil ich diesen Moment nicht mehr nutze, um zu „erziehen“. Mein Kind will nicht schlafen lernen und das ist gut so.  Wir putzen wir gemeinsam die Zähne (seit ich dabei bis 25 zähle ist das kein Drama mehr). Nach einer kurzen Katzenwäsche wird die schmutzige Kleidung in den Wäschekorb gelegt und der Schlafanzug angezogen. Sie sucht vier Bücher aus, die wir gemeinsam lesen. Bevor ich das Licht ausmache, macht sie ihr Glühwürmchen an und sagt nur noch ein Wort: „Arm!“

Dieses Wort, in dieser Situation, ist an vielen Abenden wie ein Verzeihen. Im Alltag erlebe ich mich oft als scheiternd, weil ich meinen Ansprüchen als Mutter nicht gerecht werde: Ich verliere die Geduld, schaffe es nicht, meine und ihre Agenda unter einen Hut zu bringen, und verliere das Wichtigste – die Beziehung zwischen uns – ständig aus den Augen. Diese Minuten im Dunkeln, zwischen Wachen und Schlafen, die heute gemeinsam verbringen, heilen all mein Versagen. Sie geben auch die Gelegenheit, zu sagen, dass ich sie liebe oder dass es mir leidtut, dass ich sie angeschrien habe. Sie geben mir die Gelegenheit, den Tag zu reflektieren, und die schönen Momente Revue passieren zu lassen. Meinen Erziehungsperfektionismus abzulegen, einfach nur da zu sein, und mich über zu freuen.

Wie gestaltet ihr das Zubettgehen mit Euren Kindern? Genießt ihr diese Zeit, oder ist es ein allabendliches Drama?

Weiterlesen: Unser Morgenritual

 

5 Kommentare

  1. Schöööön! Da kommen ganz viele Erinnerungen in mir auf an die Zeit, als meine beiden noch ganz klein waren. Danke!

    lg
    Maria

  2. Liebe Daija,
    so schön! (Witzig, dass Maria genau das gleiche Wort im Kopf hat) und entspannt! Das beruhigt sogar mich beim Lesen, was ja gar nicht deine Absicht ist (und ich bin jetzt schon so müde, dass es mir nicht schwer fallen wird heute einzuschlafen).
    Passiert es dir denn auch, dass du dabei einschläfst und Miss Bee nicht?
    Liebe Grüße
    Nanne

    • Liebe Nanne,
      ich glaube nicht in dem Sinne, dass sie munter aus dem Bett steigt und sich KinderliederVideos auf dem Tablet ansieht, aber ich schlafe schon manchmal mit ein. Ein sicheres Zeichen, dass ich dort bleiben und mich ausschlafen sollte :-).
      Liebe Grüße
      Daija

  3. „Ich hätte mir viel Zeit und sehr viele Nerven sparen können, wenn ich akzeptiert hätte, dass [Name des Kindes] einfach das einfordert, was es für die Entwicklung der kleinen Seele braucht. Nicht mehr, und nicht weniger.” So einfach ist das. Und eine so harte Schule, bis man’s kapiert hat. Man kapiert es bloß nicht bei allen Sachen gleichermaßen. Es gibt da ein paar Themen, da bin ich noch nicht ganz so weit…

    • Wahrscheinlich ist es Teil des ElternSeins (und Lebens) – und der erste Schritt ist es, zu bemerken, dass man eben noch in der Schule ist, nicht alles weiß.

      Ich muss mich oft bewusst daran erinnern. Wir haben gerade eine starke Phase des Testens – die weißen Stuhlbezüge werden mit Filzstiften verziert, Sand in der Küche verstreut etc. Ich ertappe mich dabei, wie ich wehmütig das Baby meiner Freundin betrachte, das gerade krabbeln lernt und denke „Wie einfach damals alles war“. Dann frage ich mich, was ich wohl in zwei, drei Jahren über ebendiese Testsituationen denken werde. Manchmal hilft das, den Entwicklungsschritt zu akzeptieren und gelassener zu bleiben.

      Viele Grüße
      Daija

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