Die Tyrannei ungelesener Bücher

Bücher wegschmeißen? Das kann Marie Kondo nicht ernst meinen. Doch nach der Kleidung geht es den Büchern an den Kragen. Weiter also im Selbstversuch.

Ich liebe Bücher. Meine Teenagerjahre habe ich hauptsächlich lesend verbracht, die mich aus der öden, nebeligen Norddeutschen Provinz in ferne Welten transportierten. Bücher brachten neue Gedanken und andere Lebensperspektiven entgegen der dörfliche Engstirnigkeit.
Mich interessieren viele Themen, und Bücher helfen mir zu lernen. Im Bett ein Buch zu lesen ist für mich die ultimative Entspannung.
Oder eher: war.
Heute lese ich hauptsächlich „Ich bin die kleine Katze“ und die vier Bücher aus der Bunny & Bee Reihe. Ich selbst schaffe vielleicht 2 (Erwachsenen)Bücher im Monat – in guten Monaten.

Ungelesene Bücher sind meine physische To Do Liste
Aber können Bücher wirklich Gerümpel sein? Natürlich würde ich gern mehr lesen, und in unserem Schlafzimmer stapelten sich ungelesene Bücher. Bei meinem Lesetempo würde dieser Berg zwei Jahre lang reichen. Manche Bücher liegen schon sehr viel länger auf den Stapeln. Manche habe ich mit der Intention, sie zu lesen, beim Umzug aus Deutschland mitgebracht – das war vor fünf Jahren. Die meisten Bücher interessieren mich immer noch – irgendwann werde sie sicher lesen.

Irgendwann kommt nie, schreibt Marie Kondo.

Und natürlich weiss ich, dass sie Recht hat. Meine ungelesenen Bücher sind eine To Do Liste, die immer länger höher wird. Lesen wird von einer Quelle der Entspannung zu einer (lästigen) Pflicht. Ich möchte Bücher wieder zum Spaß lesen, zur Entspannung. Nicht, weil ich sie habe und sie sich als To Do’s physisch manifestieren. Im schlimmsten Fall halten mich ungelesene Bücher davon ab, genau dem nach zu gehen, was mich hier im Hier und Jetzt interessiert – ich kann mich nicht auf das BibliotheksBuch in der Hand konzentrieren, weil ich denke, ich sollte statt dessen doch die vom Stapel lesen. Leselust ist was Anderes.

Bücher ausmisten mit Marie Kondo
Bei der KonMari Methode werden Bücher ebenfalls aus allen Ecken des Hauses hervorgeholt und auf dem Fußboden ausgebreitet. Das Regal zu betrachten und Bücher auszuwählen, die weg können, ist in meinem Fall ohnehin keine Option, weil sie sich mehrlagig horizontal, vertikal und hintereinander stapeln. Bücher, die lange nicht berührt wurden, werden unsichtbar schreibt Kondo, auch wenn die Titel gut sichtbar sind. Ich fasse also jedes Buch an, um es „aufzuwecken“ und frage mich, ob sie ein freudiges Gefühl in mir wecken. Und merke, nein, ungelesene Bücher wecken keine Freude in mir.
Mit jedem aussortierten Buch fühlte ich mich leichter. Zwar merke ich, dass mich die Themen noch immer interessieren, aber andere Themen interessieren mich derzeit mehr. Ab und an schummele ich ein wenig und schlage ein Buch im Bibliothekskatalog nach, um sicher zu stellen, dass die Informationen über Psychologie, Feminismus oder Stricken lernen nicht für immer vom Erdboden verschwinden.

Auch viele gelesene Werke sortiere ich aus. Bücher, schreibt Marie Kondo, sind in erster Linie Papier, Blätter, die mit Buchstaben bedruckt wurden und dann gebunden. Ihr Zweck ist es gelesen zu werden und Informationen an den Lesenden weiter zu geben. Solange sie auf dem Regal stehen haben sie keinerlei Bedeutung*. Der Inhalt gelesener Bücher ist in uns, auch, wenn wir uns nicht an ihn erinnern können. Irgendwie beruhigend. Kondo schlägt vor, eine „Hall of Fame“ aus den Büchern einzurichten, die das eigene Leben wirklich bereichert haben.

Mein Fazit:
Hilft die Methode beim Bücher loslassen? Definitiv ja.

Die leeren Regale (und Bodenflächen) fühlt sich super an. Mir fiel es vorher sehr schwer, mich von Büchern, gelesen oder nicht, zu trennen. Einzusehen, dass diese Stagnation weder mir noch den Büchern dienlich ist, war hilfreich. Marie Kondo meint, dass Dinge nützlich sein wollen – und 80% meiner Bücher waren das nicht. Die Freiwillige bei Oxfam versicherte mir, dass die Bücher verkaufsfähig seien, und eine Kundin fragte gleich, ob sie zwei davon mitnehmen könne. So begehrt fühlen sich die Bücher sicher besser als als Staubfänger in unserem Schlafzimmer.

Bücher, die ich kaufe und Bücher, die ich lese
Die Selbsterkenntnis blieb nicht aus. Auch bei meinem derzeit langsamen Lesetempo entsteht so ein Bücherberg ja nicht aus dem Nichts. Bücher waren in den letzten Jahren oft Gelegenheitskäufe auf dem Flohmarkt oder Schnäppchen im CharityShop, die ich mitnahm, weil der Titel spannend klang, mich das Thema irgendwie interessiert, ich dachte, ich müsste diese Klassiker mal lesen, oder schlicht, um mir etwas Gutes zu tun. In meiner knappen Zeit lese ich aber recht gezielt, gehe Empfehlungen auf Blogs nach und bestelle mir die entsprechenden Bücher im Bibliotheksverbund.
Die Schnäppchenjagd ist es also in diesem Fall, die zu „Gerümpel“ führt. Um diese Erkenntnis reicher lese ich von nun an das, was mich im Hier und Jetzt interessiert und mache Lesen wieder zur Freude.

Meine Bücherstapel kamen mir im Rückblick ziemlich verrückt vor – hast Du auch so ein irrationales GerümpelGebiet?

* Wer so neugierig auf Bücherregalen anderer schielt weiß aber auch, dass es bisweilen um ein bestimmtes Selbstbild geht, dass man sich und seinen Besuchern vermitteln will.

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5 Kommentare

  1. Hallo Dina,
    kein Buch zu besitzen, finde ich angenehm. Dann schreit auch keins: „Lies mich!“ Womit ich Probleme hab, ist die Flut. Also wenn ich mich bei Amazon zum E-Book lesen anmelde. Wie geh ich dann mit der Masse an Angeboten um? Das überfordert mich.

    Liebe Grüße – Tanja

    • Hallo Tanja,
      gar keine Bücher kann ich mir noch nicht vorstellen. In manchen blättere ich gern und lese Sachen nach.
      Manchmal verliere ich mich auf Amazon, aber meist folge ich heutzutage wirklich Empfehlungen von Freunden oder Bloggern. Dann gibt es immer noch eine Masse, aber keine so große mehr. Die Informationsflut ist aber natürlich generell ein Problem. Vielleicht müsste man einen Kriterienkatalog haben ähnlich dem, den Du für Kaufentscheidungen geschrieben hast. Ich bin in den letzten Monaten wählerischer geworden. Ich folge noch immer vielen Blogs z.B. lese aber nicht mehr jeden Artikel auf diesen.
      Liebe Grüße
      Dina

  2. Liebe Dina,
    ich überlege gerade, ob ich meine „Diät“-Literatur aussortiere. Da kommt dein Beitrag zur rechten Zeit, jetzt überlege ich noch intensiver.
    Dass sind Bücher, die ich wirklich gut finde, aber ich habe nicht mit Ihnen abgenommen, geschweige denn, dass ich regelmäßig rein gucke. Gleichzeitig mag ich sie auch nicht loslassen, noch nicht.

    Von ungelesenen Büchern habe ich mich einmal auch getrennt, aber nur semikonsequent. Sie liegen teilweise noch in einem Karton im Arbeitszimmer. Ein Buch hat den Weg zurück ins Regal gefunden, mal gucken, ob ich es auch lese.

    Deinen Text finde ich sehr, sehr gut geschrieben!
    lg Nanne

    • Danke, liebe Nanne,
      ich fand diesen Ansatz des Anfassens, und sehen, welches Gefühl der Gegenstand in mir auslöst bei Kleidung und Büchern wirklich hilfreich. Mich nicht zu fragen: Brauche ich das noch? Ist es nützlich?
      Für mich war dieser Prozess auch ein Loslassen (unrealistischer) Erwartungen. Im Moment zu leben, und nicht mit einem Schritt in einer besseren Zukunft, in der ich schlauer/gelassener/strategischer was weiss ich was bin.
      Mir hilft ja Svenjas Strategie – die Säcke und Kisten so zu platzieren, dass sie mich maximal stören. Dann bringe ich sie schneller weg. Ich hätte sonst sicher schon mehr als ein Buch wieder ins Regal gestellt; ich vermisse aber keines – falls Dich das beruhigt.
      Liebe Grüsse
      Dina

  3. Wow! Jedes Buch in die Hand nehmen?! Ich kann mir gut vorstellen, dass da einiges in Bewegung kommt – auch durch die Haustüre nach draußen. Bei uns steht ein Umzug bevor, deshalb bin ich auch gerade dabei, mich von Dingen zu trennen. Dabei fand ich die Frage hilfreich, die ich so oder ähnlich bei dir gefunden habe: Was löst du in mir aus? So haben bestimmt schon 70 Bücher unser Haus verlassen. Trotzdem bin ich erstaunt, wie wenig Platz dadurch in den Regalen entsteht. Beim Umzug selbst werde ich dann auf jeden Fall jedes einzelne Buch noch einmal in der Hand haben – mit deinen Gedanken im HInterkopf. Ich bin gespannt, was dann möglich ist! Es ist ja tatsächlich so wie du schreibst: Bücherstapel sind eine physisch manifestierte To-Do-Liste ungeheuren Ausmaßes.
    Viele Grüße und Danke fürs Teilen deiner Erfahrungen!

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