Konsumauszeit unterwegs

Endlich einmal ausschlafen zu können war mein Hauptanliegen, als ich beschloss, schon das Wochenende vor der Konferenz in Edinburgh zu verbringen. Tatsächlich habe ich einmal bis 7:30 geschlafen, ganz allein im Bett und ohne gelegentliche Fußtritte in den Rücken. Das war erholsam. Außerdem hatte ich viel Zeit für mich allein – als Introvertierte fehlt mir dies im Alltag oft.

Doch natürlich gibt es in der Stadt viel zu viel zu entdecken, um die ganze Zeit im Hotelzimmer abzuhängen. Anders als viele andere Städte in Großbritannien hat Edinburgh viele unabhängige Cafes und Läden, und außerdem ein reiches kulturelles Angebot. Ganz streng ohne Konsum wäre es eine freudlose Zeit gewesen. So ging ich essen, in kleinen Cafes von Hand aufgegossenen Kaffee trinken, und kaufte nach einem Besuch der Scottish National Portrait Gallery zwei Postkarten von Bildern, die mich besonders berührten.  Afternoon Tea und ein Paar Handschuhe, weil ich meine zu Hause gelassen hatte.

James Wallman konstatiert in seinem Buch „Stuffocation“ einen gesellschaftlichen Wandel – eine materialistische Einstellung wird langsam aber sicher von einer Erlebnisorientierung abgelöst. Wir kaufen weniger Zeug, weil wir begriffen haben, dass uns Erlebnisse länger glücklich machen. Beim Lesen des Buches lässt mich das Gefühl nicht los, dass wir etwas anderes aber mit der gleichen Grundhaltung konsumieren. Denn Erlebnisse sind ja nicht unbedingt das Brettspiel mit der Familie oder ein Spaziergang im Wald sondern ein Besuch im Freizeitpark oder ein Powerwalk in teurer Funktionskleidung. Ein Systemwandel sähe anders aus. Die Ressourcen der Welt werden mit einer „Weniger-aber-besser“-Einstellung ge-, aber nicht verschont.

Ich schaue mir radikalere Lebensweisen an, lese Niko Paech, Marias Blog „Widerstand ist zweckmäßig“ und Gabis Achtsame Lebenskunst, und merke, dass ich noch nicht so weit bin. Ich kann mir noch nicht vorstellen, jetzt und hier meine Lebensweise so umzustellen, dass ich anderen als Vorreiterin dienen könnte.

So genieße ich meinen Slow Coffee und melde mich gleich zur nächsten Challenge an, die nahtlos und radikaler an diese anschließt, Konsumentscheidet bei FindingSustainia. Ein Teil von mir freut sich trotzdem schon jetzt auf den Tag, an dem ich erleichtert und einfach mal ohne groß nachzudenken etwas kaufen oder weg schmeißen kann. Wenn das danach noch geht.

 

 

 

1 Kommentare

  1. Hallo Daija!

    Das ist ein interessanter Gedankengang zum „Erlebniskonsum“! Dem kann ich viel abgewinnen.

    Achtsam und umweltbewusst leben ist kein Wettbewerb, wer ist da besser oder schlechter. Wer macht mehr oder weniger für bzw. gegen die Umwelt. In meinen Augen kann man auch gar nicht so einfach urteilen, denn jeder Mensch lebt in einer anderen Situation.

    Meine Kinder sind inzwischen erwachsen und ich kann viel freier und nur für mich entscheiden, was bei Familien mit Kind ganz anders ist beispielsweise. Nur wenn man einen gute bezahlten Job hat, kann man es sich leisten die Arbeitszeit zu halbieren, wie das Nico Paech vorschlägt. Wenn man für 40 Stunden weniger verdient als ein anderer mit 20 Stunden ist nicht an halbieren der Arbeitszeit zu denken.

    So gibt es in meinen Augen kein besser oder schlechter nur ein „so gut wie es die eigene Situation zulässt“.

    Vor 10 jahren habe ich ganz anders gelebt. Ich wünschte in Deinem Alter hätte ich auch schon über die Dinge so nachgedacht wie jetzt.

    lg
    Maria

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