Warum ich nur 5 Minuten am Tag meditiere, und wie Du damit anfangen kannst

Eine Vorgeschichte
Vor vielen, vielen Jahren, Anfang meines Studiums, besuchte ich einen 10-wöchigen Meditationskurs. Ein Lehrer gab dort jede Woche eine kurze Einführung in die Lehren des Buddhismus (glaube ich) und Meditationstechniken. Anschließend saßen wir eine Stunde lang im Kreis und konzentrierten uns auf unseren Atem, eine Kerzenflamme oder eine Blume. Ich saß also im Schneidersitz, hielt die Augen halb geschlossen und tat Nichts. Mein Verstand beruhigte sich und ich entspannte mich langsam, während mein Atem ruhiger und tiefer wurde. Ich hatte meinen inneren Frieden gefunden…. für etwa 30 Sekunden. Dann stellte ich mir vor, wie ich meinen neuen Freunden erzählen würde (damals gab es facebook noch nicht), wie toll Meditation ist und wie super ich das schon kann. Dann überlegte ich, wie meine Bekannten wohl reagieren würden – würden sie mich als Esoterik-Tante abstempeln? Ob sie mich überhaupt mögen? …. Manchmal ertappte ich mich mitten im Gedankenstrom und versuchte, mit meiner Konzentration zum Atem zurück zu kehren. Doch der fühlte sich auf einmal so komisch an, dass ich leichte Panik bekam. Ob ich unter zu viel Stress litt? Und so weiter, und so fort. Oft genug riss mich die Glocke am Ende der Meditation aus den tiefsten Grübeleien.

Am Ende der zehn Wochen ging ich davon aus, dass die anderen Kursteilnehmer in der Zwischenzeit mehr oder weniger erleuchtet waren, während ich mich auf dem Meditationskissen mit Liebeskummer, WG-Stress und Unisorgen gequält hatte. Den Kurs hatte ich zwar durchgehalten, doch meditieren hatte ich nicht gelernt. Ich schien gänzlich unbegabt zu sein, und ehrlich gesagt fand ich das stundenlange Herumsitzen auch einfach ein bisschen langweilig. Ist wohl einfach nicht mein Ding, dachte ich.

Mein Weg zur Achtsamkeit
In den nächsten Jahren waren andere Dinge in meinem Leben Thema, auch wenn ich ab und an eine Yogastunde besuchte oder Bücher über Achtsamkeit oder Buddhismus las. Die Geburt meiner Tochter war ein ziemlicher Einschnitt in mein Leben, und ich fand es schwer, mich in meine neue Rolle als Mutter einzufinden. Ich wusste nicht recht, was für eine Mutter ich sein konnte und sein wollte. Ich las ziemlich viel, und irgendwann fand das Buch „Mit Kindern wachsen“ von Myla und Jon Krabat-Zinn, in dem es um den achtsamen Umgang mit Kindern geht. Auch wenn ich nicht allem in dem Buch zustimmte, wurde mir doch klarer, was für eine Mutter ich sein wollte.

Ich las viel zum Thema Achtsamkeit und übte Präsenz mit meinem Kind. Das ist mir nicht gerade in die Wiege gelegt und ich finde noch immer, dass es auf dem Blatt oder dem Bildschirm sehr viel einfacher klingt als es in der Praxis (insbesondere nach einer unruhigen Nacht) ist. Lange konnte ich auch nicht sehen, wie mir das ruhige Dasitzen in meiner knappen Freizeit dabei helfen sollte, auch wenn ich immer wieder über die zahlreichen Vorteile von Meditation las.

Warum es so schwer ist, mit dem Meditieren zu beginnen
In den vergangenen Monaten begann ich dann, wieder regelmäßig Yoga zu machen. Ich begann, mich auf die kurze Abschlussmeditation nach einer anstrengenden Stunde zu freuen. Ich fühlte mich zunehmend ausgeglichener (was ich vor allem dann merkte, wenn wir unterwegs waren oder ich aus anderen Gründen nicht regelmäßig übte). Die Yogastunden im Fitnessstudio sind nicht besonders spirituell, doch kleine Bemerkungen der Lehrer bewirkten, dass Meditation auf einmal wieder mehr Sinn machte.

„Yoga ist Meditation in Bewegung, und gleichzeitig eine Vorbereitung auf die Sitzmeditation“ sagte ein Lehrer und erklärte, dass es uns oft sehr schwer fällt, direkt aus unserem Alltag aus- und in die Meditation einzusteigen. Unser Verstand ist den ganzen Tag lang in Bewegung, wir haben Stress im Job oder der Beziehung, Geldsorgen oder was auch immer. Es ist viel verlangt, diese Dinge im Schneidersitz für 45 Minuten am Stück loszulassen. Yoga hilft, einen Übergang zwischen Alltag und Sitzmeditation zu schaffen.

Wir brauchen einen Übergang
Diesen Abstand zwischen Alltag und Meditation können auch andere Aktivitäten bringen

    • In der Natur Spazieren gehen
    • Sport – Radfahren, Schwimmen oder Laufen
    • Handarbeiten
    • Baden
    • Musik machen oder hören
    • Einfache Dehnübungen usw.

Oft fällt es uns so einfacher, ruhig da zu sitzen und es mit der Meditation zu versuchen.

Warum Meditation eigentlich ganz einfach ist
Ich meditiere im Moment abends und schließe meinen Tag mit einer einfachen, fünf- bis zehnminütigen Sitzmeditation ab (beschrieben z.B. hier). Mittlerweile glaube ich, dass 45 Minuten Sitzmeditation am Stück was für Fortgeschrittene ist. Für viele Menschen ist es schwer, sich so einen langen Zeitraum im Alltag zu reservieren. Und viele der Vorteile von Meditation treten auch auf, wenn wir einen kürzeren Zeitraum wählen – ich merke jedenfalls, dass mir die Achtsamkeit im Alltäglichen Leben sehr viel leichter fällt, seit ich regelmässig meditiere.
Auch geht es nicht darum, GedankenLos zu werden. Wir können nicht kontrollieren, welche Gedanken in unseren Kopf kommen, und sich daran fest zu beißen, den Kopf leer zu bekommen ist kontraproduktiv. Unsere Aufgabe während der Meditation ist es, unsere Gedanken zu beobachten anstatt uns mit ihnen zu identifizieren. Meditation ist nicht innerer Frieden und ein stiller Verstand, sondern lediglich Präsenz im Augenblick. Mir geht es vor allem darum, aus dem rasenden Gedankenstrom auszusteigen.

Mir hilft dabei dieses Bild: Unser Verstand ist ein blauer Himmel. Gedanken sind Wolken, die kommen und auch wieder gehen. Ich kann sie beobachten, während sie über den Himmel ziehen. Ich muss sie nicht weiter spinnen oder mich zwanghaft an ihnen abarbeiten. Ich kann sie benennen, manchmal nur als Gedanken, manchmal als Urteil, manchmal als etwas anders, und sie dann wieder gehen lassen.

Wie kannst Du also anfangen?
Wie bei so vielen Gewohnheiten geht es darum, ein klares und erreichbares Ziel zu setzen und sich gerade am Anfang nicht zu überfordern. Nimm Dir vor, eine Woche lang täglich 3 Minuten zu meditieren. 3 Minuten hat jeder von uns am Tag Zeit übrig – eine Ausrede zu finden ist wirklich schwierig. Stell Dir eine Eieruhr, oder, wenn Du nix anderes hast, Dein Handy. Nach drei Minuten kannst Du aufhören und Deinen Tag genießen, oder weitermachen solange Du magst. Sieben Tage sind zwar zu kurz, um eine Gewohnheit zu etablieren, aber lang genug, um sich eine neue Fähigkeit an zu eigenen. Herzlichen Glückwunsch, Du kannst jetzt meditieren. Jetzt ist es nicht mehr schwer, weiter zu machen. Nimm Dir, wenn Du magst, eine weitere Woche vor. Vielleicht verlängerst Du die Zeit auf 4 Minuten. Oder auf dreieinhalb.

Versuch es mal.

Hast Du Erfahrung mit Meditation? Erzähle mir davon in den Kommentaren.

Lust auf eine Challenge? Apfelmädchen & sadfsh meditieren im Oktober täglich.

10 Kommentare

  1. Dein Beitrag hat mich sehr motiviert, jetzt wieder selbst zu meditieren. Ich finde für mich dauernd ausreden (aber vor dem computer kann ich ja auch sitzen ;-)) übrigens habe ich auch einmal einen Kurs besucht und habe ähnliche Erfahrungen wie du gemacht.
    Ich werd es jetzt gleich vor dem einschlafen wieder versuchen (und dann garantiert gleich einschlafen, aber immerhin ein Anging :-))
    Liebe Grüße,
    Birgit

    • Sieh es mal so: 3 von 1440 Minuten am Tag und für nur eine Woche – das müsste eigentlich zu machen sein. Meiner Erfahrung nach musst Du halt schauen, dass Du nicht direkt vom Bildschirm auf das Meditationshöckerchen springst. Manchmal fällt es mir auch noch schwer, den Übergang zu schaffen am Abend (aber ohne entsprechendes Runterfahren kann ich auch nicht einschlafen; scheinbar geben sich solche Probleme mit dem 2. Kind…).

  2. Seit Jahren schon sind Yoga und Meditation ein Thema bei mir. Phasenweise tut es sehr gut, nach zwei Wochen vergesse ich es dann oft schlicht und einfach, was mir Monate später wieder auffällt. Dann beginnt die nächste Phase. 🙂

    Heute fang ich wohl mal wieder an, mir gefällt der Gedanke, nur ein paar Minuten damit zu verbringen, vielleicht schaffe ich damit eine Regelmäßigkeit…

    • Mir ging es auch sehr lange so wie Dir, und ich merke, dass mir die Meditation sehr viel leichter fällt, seit dem ich wieder regelmässig Yoga übe.
      Irgendwo habe ich mal gelesen, dass einige Minuten Meditation am Tag „besser“ seien als ein unregelmässiger Marathon. Ich weiss aber nicht mehr, ob es da um die positiven Wirkungen der Meditation ging oder schlicht darum, dass es so leichter ist, eine Gewohnheit draus zu machen. Viel Spass!

  3. Pingback: Meditieren – Achtsamkeit im Alltag | Fundstücke aus dem Internet

  4. Dein Beitrag hat mich zum Nachdenken gebracht und du hast sowas von Recht. Vielen Dank für die Zeilen.

  5. Hallo Dina,
    danke für dein Wort: Übergang. Frage mich nämlich seit Jahren, was das ist, was da fehlt. Wieso ich so schlecht entspannen kann. Raus gehen oder Musik hören, ja das hilft. Oder Badewanne. Hab leider keine. 🙁

    Liebe Grüße
    Tanja

  6. Das inspiriert mich jetzt auch es mal zu starten. Meine Erfahrungen beschränken sich auch auf die Abschlussmeditation beim Yoga, bei der ich in 7 von 10 Fällen eindöse. Dein Tipp sich darauf einzustimmen und nicht direkt einen mediationskaltstart hinzulegen ist super. Genauso wie, die Gedanken einfach zu beobachten. Mir hilft immer sehr der Gedanke: für diese zeit jetzt ist alles gut, es gibt nichts zu tun oder zu planen, alles passt so wie es ist.

  7. Ich bin nach einigen Versuchen im Wesentlichen bei der Gehmeditation geblieben, draußen natürlich, sie tut mir in jeder Lebenslage gut, entspannt und macht den Kopf frei… Oder ich liege auf dem Rücken oder auf dem Bauch (auch wann immer es geht, draußen). Meditation im Schneidersitz kann ich nur unter körperlichen Schmerzen, und deren Sinn verschließt sich mir. Das „Schneider-Sitzen“ ist tatsächlich erstens (körperlich) nicht für jeden etwas und es als Nonplusultra der Meditation aufzufassen, demotiviert eher als dass es Lust macht zum Probieren. Aber da ist man mit Jon Kabat Zin oder Thich Nhat Hanh oder auch „nur“ Thoreau gut dabei sich Anregung zu holen und den ganz eigenen achtsamen Weg zur Ruhe zu finden und zu üben. Das ist eigentlich das Wichtigste. „Den“ Weg gibt es nicht, der artet nur in Stress oder Langeweile aus, wie du es hier so schön in deinen Erfahrungen beschreibst ;-). Lieben Gruß

  8. Andreas

    Hallo und schönen guten Tag!

    Ich habe vor 5 Monaten mit dem Meditieren begonnen, zunächst allein, nach einigen Wochen zusätzlich in verschiedenen Gruppen. Aufgrund der nachteiligen Auswirkungen von zuviel Sport auf meine Sprung- und Kniegelenke führe ich Meditatioinen auf einem Stuhl bzw. in einem Korbsessel aus. „Ziel“ war/ist es, meinen unbändigen Gedankenstrom zu verlangsamen, ihn eher zu beobachten, statt in ihm verstrikt zu sein, gelassener zu sein, Dinge bewusst zu machen oder auch zu lassen und wieder fühlen zu lernen. Da ich sehr gerne lese, habe ich mich von den Büchern von Charlotte Joko Beck und Safi Niiaye begleiten lassen. Auch wenn ich es zeitweise nicht jeden Tag hinbekommen habe, zu meditieren, so ist es doch mit liebevoller Beharrlichkeit einfach möglich, Meditation als festen Bestandteil in den Alltag einzupflegen. „Erleuchtung“ (so ich sie überhaupt aushalten könnte) findet ja doch nicht auf Wolke 7 statt, sondern im Alltag mit Alltags-Menschen bei Alltags-Tätigkeiten zwischen Alltags-Pausen. Herzliche Grüße und viel Vergnügen bei allem! Andreas

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