Menschenkinder von Herbert Renz-Polster (Buchrezension)

Manchmal kommt das richtige Buch zur richtigen Zeit. „Menschenkinder“ fand mich, als ich gerade einmal wieder daran zweifelte, ob ich den Umgang mit meinen Kindern ‘richtig’ gestalte. Mit ihren viereinhalb Jahren ist Miss Bee willensstark und voller unbändiger Energie. Viele Tage verlaufen nicht gerade konfliktarm. Gut gemeinte Ratschläge – Grenzen setzen! Konsequent bleiben! – taten ihr übriges, um mich zu verunsichern.

Sind unsere Kinder kleine Tyrannen?

Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und vierfacher Vater, stellt fest, dass meine Verunsicherung ganz normal ist: Viele Eltern haben heutzutage Angst, im Umgang mit ihren Kindern nicht das Richtige zu tun, sie nicht ausreichend zu fördern, oder sie zu verziehen. In Menschenkinder: Artgerechte Erziehung – was unser Nachwuchs wirklich braucht argumentiert er, dass das Verhalten unser “kleinen Tyrannen” Sinn macht und zieht die Menschheitsgeschichte zur Erklärung heran. Und so versichert er mir, dass sich meine Vierjährige keineswegs beständig Rebellionen gegen mich anzettelt. In der Vergangenheit wäre sie nämlich ohne den elterlichen Schutz schnell zu Tierfutter geworden, und das weiss sie instinktiv auch. Ihre Selbstbehauptung, in der Sicherheit, dass wir weiterhin für sie da sind, ist Vorbereitung auf den nächsten Entwicklungsschritt im Leben des “Clans“.

Kinder stecken in einem dialektischen Entwicklungsprozess, mit all den darin enthaltenen Spannungen. Sie wollen gleich sein, und sie wollen besonders sein, sie wollen sich einfügen und sich abheben, sie wollen autonom und verbunden sein. Das kann uns manchmal anstrengen, ist aber ein normaler und notwendiger Prozess.

Analyse und Streitschrift gleichermassen

Menschenkinder ist sowohl Analyse einer “artgerechten“ Entwicklung als auch Streitschrift gegen vorherrschende Dogmen unserer Leistungsgesellschaft, die unseren Kindern zu viel frühkindliche Bildung und zu wenig zwischenmenschliche Beziehung anbietet. Renz-Polster gibt uns keinen Ratgeber an die Hand sondern ermutigt uns, eigene und gesellschaftliche Erwartungen zu hinterfragen und zusammen mit unseren Kindern einen eigenen Weg zu finden.

“Erziehung ergibt sich aus der alltäglichen Ausgestaltung unserer Beziehungen zum Kind, sie ist damit Teil von dem, wie wir leben und wer wir sind. Kein Wunder also, dass man genauso wenig nach Rezept erziehen, wie man nach Rezept leben (oder eine Ehe führen…) kann. (…) Den Weg zur ‘richtigen’ Erziehung muss jeder selbst finden. Und das ist gut so. Denn der Rahmen, n dem wir leben, denken und arbeiten, wird ja immer neu geschaffen, mit jeder Generation, in jeder Gesellschaft, jeder sozialen Schicht, jeder Familie. Ein auf das Leben gut vorbereitetes Kind – das ist an jedem Ort und zu jeder Zeit ein anderes.“ (S. 175 f.)

Mein Fazit:

Trotz so mancher Wiederholungen ist Menschenkinder: Artgerechte Erziehung – was unser Nachwuchs wirklich braucht ein lesenswertes Buch, das gute Argumente gegen die gängigen Erziehungsformeln liefert. Wer sich wie ich zu viele Gedanken macht, ob er/sie es mit den Kindern richtig macht, den beruhigt Herbert Renz-Polster. Es gibt keine optimale Erziehung, Kinder sind widerstandsfähig und gedeihen unter vielfältigsten Bedingungen. Das Beste, was wir für unsere Kinder tun können ist, ihnen Zeit und Raum zu geben, selbst zu lernen. Sie wissen selbst, was.

Menschenkinder: Artgerechte Erziehung – was unser Nachwuchs wirklich brauchtvon Herbert Renz-Polster ist im Kösel-Verlag erschienen. Das Buch hat 256 Seiten und kostet 17,99 Euro.