Minimalismus in der Familie

Minimalismus ist gerade wieder in aller Munde. Zum Jahresanfang wird fleißig entrümpelt und das M-Wort wird inflationär verwendet. Nicht jede/r der entrümpelt ist gleich Minimalist, sagen Minimalisten.

Nur, wann ist jemand eigentlich Minimalist? Was genau unterscheidet Minimalismus vom Entrümpeln? Kann es für mich, in meiner jetzigen Lebenssituation mit zwei kleinen Kindern, etwas anderes als ein ferner Traum sein? Dürfen Minimalisten mehr als eine bestimmte Anzahl von Gegenständen besitzen und wenn nicht, wer darf diese Anzahl an Gegenständen entscheiden? Ist Minimalismus außer Reichweite, wenn mensch ein Bett, eine Spülmaschine, vielleicht sogar dekorative Kissen besitzt? Wenn es nur darum geht, Dinge zu besitzen, die man braucht und liebt, was ist, wenn man viele Dinge braucht oder liebt? Wenn jede selbst entscheiden kann, was für sie Minimalismus ist, ist Minimalismus noch immer eine nützliche Bezeichnung? Oder ist der Begriff mittlerweile so überstrapaziert, dass er seine Bedeutung verloren hat? Ist es sicherer, sich selbst einfach nicht Minimalistin zu nennen, weil es immer Menschen gibt, die freiwillig mit weniger leben oder bedeutet das, die eigenen Ambitionen und Werte zu verleugnen?

Was mich an minimalistischen Lebensstilen anzieht

Ich bin von Natur aus kein ordentlicher Mensch. Mir fällt es schwer, Dinge nach der Benutzung an ihren Platz zurückzustellen und ich putze nicht gerne. Mir fehlt der Sinn für Design: Was bei anderen das Heim gemütlich macht, sieht bei mir ramschig oder kitschig aus. Manche können aus ein paar Muscheln eine schöne maritime Dekoration zaubern. Wenn ich das versuche sieht es aus als sei eine Kolonie Meerestiere auf der Fensterbank verendet. Gleichzeitig kann ich Chaos schwer ausblenden und mich weder auf intellektuelle Aufgaben noch auf das Spiel mit den Kindern konzentrieren.

Lange habe ich versucht, ordentlicher zu werden. Dann stieß ich auf Minimalismus und wusste sofort, dass das für mich des Rätsels Lösung sein würde. Denn wenn ich weniger habe, muss ich weniger verwalten, weniger putzen und mich weniger damit abmühen. Zu dem Zeitpunkt ging ich ganz naiv davon aus, dass es beim Minimalismus darum ginge, bewusst die Dinge, Aktivitäten und Gedanken auszuwählen, die für das eigene Leben wichtig und stimmig sind, und alles andere so weit es geht zu reduzieren. Das Reduzieren hat mir in vieler Hinsicht geholfen.

Minimalismus in der Familie

Den eigenen Besitz zu minimalisieren ist eine Sache, doch in Familien treffen unterschiedliche Charaktere aufeinander. Ich bin ein Sparfuchs, der unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit jeden farbigen Briefumschlag, der in unsere Haus kommt, für zukünftige Bastelprojekte aufbewahrt. Mr Handsome ein ordentlicher Mensch, der seine Besitztümer sorgfältig auswählt und somit im minimalistschen Zusammenleben unproblematisch ist. Miss Bee (5) hat mittlerweile eine stattliche Anzahl an Spielsachen, Büchern und Bastelmaterialien, viele davon in unserem Wohnzimmer, da sie am Liebsten dort spielt, wo wir uns aufhalten. Little M (fast 2) packt gerne aus und wieder ein, aber nicht unbedingt so, wie ich es machen würde.

Schon vor der Geburt von Miss Bee war mir klar, dass ich keine dieser blinkenden Spielsachen überfüllten Wohnungen haben konnte wollte. Nicht klar war mir, wie wenig Einfluss ich darauf eigentlich habe. Der wesentliche Unterschied zum Leben ohne Kinder ist der stetige Zufluss von Sachen: Papiere aus der Schule, Geschenke, Bastelarbeiten, Party Bags, Steine, Federn, etc. – die ich nicht ins Haus hole. Mein Einfluss beschränkt sich darauf, die Sachen wieder aus dem Haus zu schaffen, und das in Grenzen.

Grenzen ist das Stichwort. Mein Eindruck ist, dass in vielen (sicher nicht allen) sehr minimalistisch gehaltenen Familienwohnungen die Kinder noch sehr klein sind oder dass der Umgang mit den Interessen, Wünschen und Bedürfnissen der Kinder ein anderer ist als der, den ich mir für meine Familie wünsche (um es vorsichtig auszudrücken). Ordnung ist mir wichtig, eine gute Beziehung zu den Kindern, die auf Wertschätzung und Gleichwertigkeit beruht, ist mir wichtiger.

Ist der Begriff überhaupt noch hilfreich?

Nanne schrieb neulich, dass ihr eine Definition wie Minimalismus nicht mehr wichtig sei: „Wir leben als Familie mit drei Personen mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Was mir wichtig ist, nicht an den Sachen zu hängen. (…) Freiheit im Kopf und im Herzen zu haben.” Etwas drastischer drückt es Christian in einem Kommentar zu Gabis Beitrag über Achtsamkeit und Minimalismus als Trend aus: Ich will mit dem Begriff „Minimalismus“ gar nichts mehr zu tun haben. Ich will für mich ein Leben in Einfachheit führen und nicht in einem Schwarm von gestylten YT-Minimalismus- Experten mitschwimmen, die mir sagen wollen, was das ist und wie ich meine Einfachheit zu leben habe.“

Und so gebe ich mich damit zufrieden, dass es bei uns vielleicht nicht anders aussieht als bei Familien, in denen Minimalismus kein Thema ist. Dass es Menschen geben wird, die es bei uns kahl und ungemütlich finden und solche, denen es zu chaotisch und vollgestopft ist. Aber:

Ich weiß, was wir besitzen.
Ich horte nichts mehr, was sich leicht ersetzen lässt.
Ich kann in unserem Haus zur Ruhe kommen.
Ich akzeptiere, dass meine kleinen und großen MitbewohnerInnen andere Bedürfnisse haben als ich. Und auch, dass sich diese beständig verändern.
Ich wahre Übersichtlichkeit in meinen Bereichen. Das tägliche Aufräumen der Kindersachen dauert nie länger als 15 Minuten.
Ich kann alle Türen, Schränke, Schubladen zu jedem Zeitpunkt schließen und wir brauchen weniger Stauraum als wir zur Verfügung haben.

Der Begriff dient als Inspiration, nicht als Maßstab.

Wie ist das bei Euch? Ist Minimalismus tot? Oder findet Ihr den Begriff noch dienlich?

4 Kommentare

  1. Hallo Daija!

    Mir scheint, dass alles einen Namen braucht, der sich dann auch in den Medien vermarkten lässt. So wie Zero Waste ist Minimalismus ein gutes Zugpferd, damit der Beitrag/Artikel gelesen wird.

    Interessant finde ich, dass ich mich selbst nie als Minimalistin bezeichnen würde, ebenso wenig wie ich von mir sagen würde, dass ich zero waste lebe.

    Obwohl ich vermutlich weniger Müll produziere als die meisten, die zero waste auf ihre Fahnen heften und ich konsumreduzierter lebe als so manche selbst ernannte Minimalisten.

    Ich mag mich auch nicht in Schubladen stecken lassen. Ganz ehrlich, ich bin ich weit mehr als diese Namen bezeichnen können!

    lg
    Maria

    • Liebe Maria

      Einerseits Medienwirksamkeit (ich habe mir gerade ein Buch bestellt, hauptsaechlich weil es Minmalismus im Titel hatte – bei mir wirkt diese Zugpferd also noch), andererseits können wir über diese „Markennamen“ Gleichgesinnte finden. Also unter dieser Bezeichnung eine Diskussion ermöglichen.

      Deinen Gedanken der Schublade finde ich gut – ich denke, viele sehen „zero waste“ oder „Minimalist“ ja eher als eine Art Auszeichnung oder Trophae an, nicht als Einschränkung des eigenen Selbstbildes.

      Ganz herzlich
      Daija

  2. Huhu,
    so sehe ich das auch… ich würde mir auch oft mehr Dinge um mich herrum wünschen, aber bei vier Kindern komme ich oft an meine Grenzen… wenn alle auch noch unterschiedliche Interessen haben, ein Bastelmädchen, ein Jäger und Sammler und ein Lego-Liebhaber zusammen kommen und oben drauf noch ein Baby, da wird es schwieriger.
    Wir als Eltern haben aber unsere Sachen minimiert und da schafft auch schon Erleichterung bzw macht das Ertragen des Kinderchaoses leichter.
    Auch wenn ich mich nach mehr Ordnung und weniger Masse sehne, sind mir glückliche Kinder wichtiger. Ich kann ihnen gut Impulse geben, genau zu überlegen, was brauche ich, was nicht, was ist ein Herzenswunsch usw.
    Aber auch sie müssen üben und ich wünsche mir, dass ihr Glück nicht von Dingen abhängt.
    Bis dahin sage ich mir, alles hat seine Zeit… wie schnell möchten sie nicht mehr im Wohnzimmer spielen.

    Herzlichst, Tessa

    • Liebe Tessa

      Deine Heragehensweise – selbst reduzieren, dann Vorbild sein und den Kindern dabei helfen, die eigenen Wünsche hinterfragen zu lernen – finde ich super. Ich denke, wir machen es so ähnlich.
      Für mich ist es immer noch eine Lernaufgabe. Zugegeben muss ich selbst oft dem Impuls widerstehen, den Kindern mehr Sachen zu kaufen – insbesondere Bücher und Bastelsachen, manchmal aber auch Spielsachen, die ich immer wieder auf Instagram oder anderen Blogs sehe. Aber wenn ich in dieser Hinsicht nicht kritisch/diszipliniert bin, wie sollen es die Kinder dann lernen?

      Ganz herzliche Grüße
      Daija

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