Naturerleben reloaded

Wald und Wiesen können zu Angst- und Panikgefühlen führen. Nur ein kurzer Fussweg es von unserem Heim bis an die Themse. Dort gibt es ein Naturreservat, bewaldete Bereiche wechseln sich idyllisch mit Gras und Kräutern bewachsenen Bereichen ab. Idyllisch.

Bei meinen ersten Besuchen, kurz nach unserem Umzug im August letzten Jahres, meist in Begleitung der schlafenden M, bekam ich bei Spaziergängen regelrechte Panik. Das Blut schoss mir in den Kopf, das Herz raste. Nach mehr als 15 Jahren Innenstadtleben machten mir Menschenleere und Stille Angst. Über die folgenden Wochen desensibilisierte mich langsam, ging erst immer in Sichtweite des Neubaugebietes. Dann entlang der Themse, wo in der Regel andere Personen zu sehen waren. Ich lernte, die Stille zu genießen.

Von Landeier und Stadtgören

Im Rückblick erstaunt mich diese Erfahrung. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und hatte eine dieser Kindheit, die es heute kaum noch gibt: Wiesen, Wälder, Moore und eine Kiefernmonokultur, die wir Wald nannten, begannen direkt hinter Großmutters Garten. Diese Landschaft war unsere Welt. Nach der Schule warfen wir die Ranzen in die Ecke und verbrachten den ganzen Nachmittag in Fantasiespielen. Draußen. Unbeaufsichtigt.

Solche Kindheit gibt es heute wohl kaum noch. Nicht nur, weil es statt der Wiesen meiner Kindheit hauptsächlich großflächigen Maisanbau gibt. Sondern auch und vor allem, weil wir uns Sorgen um die Sicherheit unserer Kinder machen. Weil wir in Großstädten wohnen und damit “richtiges” Naturerleben ein logistisches Unterfangen ist, welches Kinder ohne elterlichen Fahrdienst gar nicht mehr erleben können. Weil wir selbst nie draußen sind, sondern den ganzen Tag im Büro und den ganzen Abend vor dem Tablet oder im Home Office rum sitzen und am Wochenende einkaufen gehen. Weil wir unsere Kinder zum Ballett, Chinesisch, Fußball, Klavierunterricht und so weiter anmelden und sie nicht einfach ihre Zeit im Garten vertrödeln lassen. Wei Natur gefährlich ist – Miss Bee sagte mir neulich, dass wir keine Federn sammeln sollten, weil wir nicht wissen, ob die Vögel Krankheiten hatten. Das hat sie im Naturkindergarten (!) gelernt.

Sitzen ist das neue Rauchen

Eine Erzieherin erklärte mir, das sei eine Vorsichtsmaßnahme aus den Zeiten der Vogelgrippe – also eigentlich kein Problem mehr, sicherheitshalber blieben sie aber bei dieser Regel. Die Frage ist: was ist gefährlicher – das Kind mit Federn und Dreck spielen lassen, riskieren, dass es sich Knochen bricht, beim Spielen Draussen verschwindet, oder es hauptsächlich in geschlossenen Räumen halten, mit dem Tablet spielen lassen oder bespaßen, äh, wichtige Dinge für das Leben lernen lassen, Mandarin und Geige und so? Die Antwort ist nicht so augenscheinlich wie wir denken.
US-Autor Richard Louv prägte den Begriff „Natur-Defizit-Syndrom“ und argumentiert, dass viele Verhaltensauffälligkeiten von Kindern wie ADHS Folgen von mangelndem Naturerlebnis seien. Übergewicht ist zunehmend ein Problem bei Kindern. Sitzen ist das neue Rauchen.
Heute gibt es viele Studien, die das belegen, wie gut und wichtig Sehen, Spüren und Bewegen im Grünen für uns ist. (Natur ist ja in diesem Zusammenhang ein ziemlich schwieriger Begriff, weil’s streng genommen in Mitteleuropa kaum welche gibt.) Krankenhauspatienten genesen schneller, wenn sie auf eine Grünfläche schauen, nicht auf eine Wand. In Großbritannien gibt es bereits Initiativen von Natur auf Rezept.*

Im Grünen zu sein ist gut für Körper, Geist und Seele

Manche von euch werden sagen: Um das zu wissen, brauche ich keine Studien. Dass mir Natur gut tut, merke ich doch. Glaube ich Euch und finde ich super. Doch, wenn ich als Landei schon so zwiegespaltene Erlebnisse im Grünen hatte, geht es vielleicht auch Anderen so. Für mich begann im letzten Sommer wieder ein Weg zurück. Miss Bee macht vor allem der Naturkindergarten Lust am draußen spielen. Mit Little M zusammen entdecke ich meine eigene Liebe zur Natur wieder. Für sie ist alles noch spannend. Sie läuft durch das hohe Gras, reißt Blüten ab und spielt in den Pfützen. Und ja, da könnte es Zecken geben, man darf keine Pflanzen abreißen und wer weiß, was sich in den Pfützen verbirgt. Mit dem Risiko müssen wir leben.

Ich tue derweil – Nichts. Ich beobachte sie, die Bäume, die Tiere, die Gräser. Ich schaue weder auf mein Telefon oder schieße ich Instagram-taugliche Fotos, noch spreche nicht mit anderen Erwachsenen oder arbeite meine To Do Liste ab.

Und das tut uns gerade richtig gut.

Verbringt Ihr viel Zeit im Freien, in der (Stadt-)Natur? Wenn nicht, fehlt es Euch manchmal? Wenn ja, was macht Ihr da?

 

 

* Ich will Euch nicht mit Zusammenfassungen von Studien langweilen. Defra (in etwa die Britische Entsprechung zum Bundesumweltministerium) und das European Centre of Environment and Human Health an der University of Exeter Medical School haben im Frühjahr eine Zusammenfassung der britischen Forschung zu dem Thema rausgebracht, könnt Ihr hier nachlesen, Evidence Statement on the links between natural environments and human health. Etwas älter, aber dennoch interessant ist Richard Louv Das letzte Kind im Wald?: Geben wir unseren Kindern die Natur zurück!