Smile, breathe and hug slowly

Sobald ich mich umdrehe, füllt Miss Bee Erde aus frisch besäten Töpfen in ihre Sandkiste um, trägt Fingerfarbe auf die Füße auf und läuft über den hellen Teppich unserer Mietwohnung, beißt die Spitze ihrer Filzstifte ab und schluckt sie runter, will sich weder kämmen noch die Zähne putzen oder das Gesicht waschen lassen, geschweige denn etwas anziehen, sodass wir die Wohnung verlassen können. Sie möchte immer dann auf den Arm, wenn ich mir vorgenommen habe, Risotto zu kochen, den Kompost umzuschichten, oder zu duschen.

Meine Tochter bringt mich innerhalb von Sekunden zum Lachen, doch in ebenso kurzer Zeit von 0 auf 100. Ob besseren Wissens bringt mich dieses für dreijährige Kinder durchaus normale Verhalten oft zur Weißglut.
Dass aus den oben beschriebenen Situationen grenzwertige werden, schreibe ich mir selbst zu. Oft bin ich innerlich nicht auf das Leben mit einem Kleinkind vorbereitet, insbesondere an den Tagen, an denen ich meinem Job nachgehe; die Umgebung ist nicht aufgeräumt (oder zu aufgeräumt, sodass mich jede Kleinigkeit auf dem Boden stört); ich bin mit meinen Gedanken – oder Händen – woanders; ich habe nicht genug Zeit eingeplant. Das weiß ich alles, doch im schlechtesten Fall werde ich gleich laut, wenn irgendetwas nicht nach meinem Plan läuft, sie fängt an zu weinen, ich fühle mich schuldig, sie schreit. Die Haare werden unter Protest gekämmt, die Finderfarben sofort beschlagnahmt, ich bin gestresst, die Kleine in Tränen aufgelöst.

Manchmal schaffe ich es, rechtzeitig den Stoppknopf zu drücken, und statt einer Abwärtsspirale in drei einfachen Schritten wieder Ruhe her zu stellen:

Smile, breathe and hug slowly. Lächeln, atmen und langsam in die Arme schließen.

Lächeln. Und mir dabei auf die Zunge beißen.
Wusstet ihr, dass wir nicht nur lächeln, wenn wir zufrieden sind, sondern auch zufriedener sind, wenn wir lächeln? Was wissenschaftliche Studien belegen besteht bei mir den Praxistest. Sicherlich sieht es oft eher so aus, als hätte mir jemand einen Bleistift zwischen die Mundwinkel geschoben, tatsächlich entspanne ich mich aber deutlich, sobald ich versuche zu lächeln, statt zu schimpfen.
Lächeln ist natürlich nicht in jeder Situation abgebracht, hilft mir aber in solchen, in denen das Verhalten Suche nach Zuneigung und kein Testen von Grenzen ist.

Atmen. Anders als sonst.
Atmen ist einfach, sollte man meinen. In Wahrheit atmen viele von uns sehr flach, nur in den Brustkorb hinein statt volle und ganz bis in die Lungenspitzen. Fühlen wir uns gestresst, flacht die Atmung weiter ab, und ein Panikgefühl macht sich breit. Was hilft? Genau, zehn Mal bewusst tief einatmen. Ich lasse dabei den Bauch so waschtrommelartig anschwellen wie möglich und konzentriere mich auf das Ein- und Ausströmen des Atems, so gut dies eben möglich ist, während sich ein schreiendes Kind auf dem Fußboden wälzt.

Ganz langsam umarmen. So wie sonst auch.
Wenn wir uns beide beruht haben, nehmen wir uns oft in den Arm. Das ist ein Stück weit meine Art, mich zu entschuldigen, wenn etwas schief gelaufen ist. Doch auch wenn ich ruhig geblieben bin, ist es mir wichtig, die Verbindung zwischen uns wieder herzustellen. Ich kann mich nicht immer „richtig“ verhalten, und ich kann nicht jedes Problem für sie lösen (z.B. dass das Lieblingskleid gerade in der Waschmaschine schleudert). Ich kann aber, spätestens, wenn sich unsere Gemüter wieder beruhigt haben, zeigen, dass ich sie liebe, auch wenn es nicht immer so aussieht.

Und ja, ich sehe manchmal aus wie ein übergewichtiger Teddybär auf Drogen. Mir persönlich gefällt dieser Look ja ganz gut.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des ElternSurvivalKits. Wenn du mehr Ideen brauchst, um brenzliche Situatione zu vermeiden oder besser mit ihnen umgehen zu können, schau am Montag  auf Mama denkt vorbei.

Weiterlesen: Achtsamkeit mit Kindern üben

4 Kommentare

  1. summer

    Danke! Habe Tränen in den Augen. Genau so und nicht anders geht es mir…bisher hatte ich keine Idee… danke für deine. Summer (Punkt ist ebenfalls drei)…

  2. Ich finde das mit dem Umarmen ein wichtiges und gutes Ritual! Auch um zu zeigen, ich war sauer, aber ich hab dich grundsätzlich lieb.
    lg Nanne

  3. Was für eine tolle Erklärung der Abläufe!! Klar, durchatmen und umarmen: Das finde ich durchaus nachvollziehbar. Aber auch lächeln? Das finde ich herausfordernd. Und wenn man sich dann aber die physiognomischen Abläufe vorstellt und was für Auswirkungen sie in der Tat haben können…

    DANKE fürs einfache erklären und dadurch bewusst machen! Danke, dass du dir überhaupt die Zeit genommen hast mitzumachen!

    PS: Hier ist es nicht das Lieblingskleid, sondern die Lieblingsstrumpfhose…

  4. Danke für den Tipp, hat gut funktioniert!

    Meine Jüngste (3 Jahre, 4 Monate) hat mich gestern so geärgert, dass ich kurz davor stand durchzudrehen. Und das, obwohl ich dachte, ich hätte mit drei Kindern schon alles durch.

    Also: Tief durchgeatmet, mich zum Lächeln gezwungen und ganz langsam umarmt.

    Reaktion der Kleinen: Kurzes erstauntes Michangucken, dann spontan „Ich liebe dich, Mama!“ 😉

    Schluck!!!

    Kurz darauf habe ich festgestellt, warum das Kind so provozierend gewesen war: Nach dem Zähneputzen erbrach sie sich. Also einfach krank! Ja, in der Theorie wissen wir es ja alle, dass die Kinder uns nie extra ärgern wollen, sondern immer einen Grund dafür haben. In der Praxis vergessen wir es aber leicht.

    Gute Bewältigungsstrategien helfen immer, weiter so!

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