Warum Bemerkungen zu ÜberMamas und Rabenmütter immer fehl am Platz sind – und was Du statt dessen sagen kannst

Lang ist's her... der Zwerg lernte gerade laufen.

„I always think of a good mother as…. someone complete other than I am.“ – Jean Anne Sutherland (zitiert nach Bridgit Schulte in „Overwhelm“)

Du, die Du eine Mutter als ÜberMama bezeichnet, weil sie stillt. Du, der Du eine Frau Rabenmutter nennst, weil sie vier Monate nach der Entbindung wieder arbeitet.

HALT. DIE. KLAPPE.

Eigentlich versuche ich mich im Alltag am liebevoller leben – mehr Verständnis, Geduld, Achtsamkeit und so weiter – für meine Mitmenschen auf zu bringen. Aber manche Dinge ärgern mich maßlos. Dazu gehört die Verurteilung von persönlichen Entscheidungen, die wir als Mütter treffen. Wenn andere Menschen meinen, den richtigen Weg für mich und meine Familie zu kennen – oder für irgend eine andere Familie, abgesehen von ihrer Eigenen. Wenn sie sich anmassen, ein Urteil auszusprechen, weil sie einen Bruchteil unseres Elternseins gesehen haben. Weil sie glauben, mir sagen zu können, wie ich meinen Job als Mama zu machen habe. Als ob sie selbst ein Zertifikat hätten, eine Qualifikation für diesen rund-um-die-Uhr und teils unter folterartigen Bedingungen auszuführenden Job!

An Abenden wie heute bin ich froh, dass wir als Familie den Tag seelisch und körperlich einigermaßen unbeschadet überstanden haben. Ich will mir nicht anhören müssen, dass ich eine Hippiemama bin, weil Miss Bee im Geburtshaus zur Welt gekommen ist. Nicht als Rabenmutter betitelt werden, weil ich seit ihrem ersten Geburtstag wieder – und sehr gerne – außer Haus arbeite. Und auch nicht als Glucke, die nicht loslassen kann, weil ich sie im Alter von 2 1/2 Jahren noch stille. Ich will auch nicht, dass sich eine andere Frau (ein anderes Elternteil) Urteile anhören muß, weil sie sich ganz anders entscheiden. Die mit der Flasche füttern, zu Hause arbeiten, blinkend-buntes Plastikspielzeug kaufen.

Ich will, dass wir leben und leben lassen.

Denn: Wie frau es macht, macht sie es falsch.

Wenn das Kind im Elternbett schläft wird es verwöhnt und nie lernen allein zu schlafen (Wir kennen ja alle die 17jährigen, die noch immer bei Mama und Papa auf der Besuchsritze schlafen, nicht wahr?). Oder schläft das Kind mit acht Monaten durch/im eigenen Bettchen/zu festen Zeiten, weil „jedes Kind schlafen lernen kann“ und man kann es auch „einfach mal schreien lassen“ hat? Es liegt schlicht verzweifelt und seelisch gebrochen in seinem Gitterbettchen statt sich zu melden. Langzeitschäden sind bei beiden Ansätzen vorprogrammiert. „Wertvolle Hinweise“ sind genau das, was Eltern hören wollen, weil der Schlafmangel sie an den Rande ihrer Kräfte bringt.
Je nachdem in welchem Kreis wir uns bewegen, sind wir eine „gute“ oder eine „schlechte“ Mutter – oder Beides gleichzeitig – für die gleichen Handlungen oder Entscheidungen, die wir als Eltern treffen. Eine Mutter, die ihrem Kind Schokoladenkekse gibt, schenkt ihm damit lebenslanges Übergewicht und schlechte Zähne, Eine, die das nicht tut, ist eine Spaßbremse, deren Kinder nachher vor dem Zeug nicht halt machen können.

Als Mütter in einer optionsreichen Welt suchen wir unseren Weg in einem Dschungel widersprüchlicher gutgemeinter Ratschläge, Medienberichten, die auf veralteten Forschungsergebnissen beruhen, der Supernanny und unserem eigenen Instinkt. Zweifel an unseren eigenen Fähigkeiten und daran, dass wir unseren Job „gut genug“ machen, haben die meisten von uns zu Genüge. Durch (ab)wertende Bemerkungen wirst Du kein Kind schützen oder das Verhalten einer Mutter in eine andere Richtung lenken können. Du wirst lediglich das Feuer der Selbstzweifel heller lodern lassen.

Haben wir eigentlich nichts Besseres zu tun, als das MutterSein anderer zu verurteilen?
Eine Verurteilung kann keine Mutter brauchen. Ermutigung – vielleicht. Ein Glas Wasser, im Sitzen – meistens. Ein mitfühlendes Lächeln – ja. Praktische Hilfe – immer.

Natürlich gibt es auch Dinge, die ich falsch finde und bei denen ich den Mund aufmachen würde, wenn ich sehe, dass ein Kind so behandelt würde. Ich möchte nicht, dass Kindern seelische oder körperliche Gewalt angetan wird. Aber Flasche oder Brust? Schokokeks oder nicht? Energie, die für solche Art von Diskussionen aufgebracht wird finde ich verschwendete Lebenszeit aller Beteilgten, und wenig hilfreich.

Was kannst Du statt „Rabenmutter“ oder „Glucke“ sagen?

…als Mensch ohne Kinder?
Bevor ich selbst ein Kind hatte wusste ich auch, wie man sie erzieht. Ich dachte, Kinder hätten einmal in der Woche im Supermarkt einen Wuttanfall, weil Mama zur Schokolade einfach „nein“ sagt, statt dem Kind geduldig zu erklären, dass Schokolade ungesund ist. Heute weiß ich, dass ein Kleinkind bereits drei solcher Anfälle haben kann, bevor ich meinen ersten Kaffee getrunken habe (also zwischen 5:15 und 6:30h). Weil 1) Mama kurz auf die Toilette muss, bevor sie mit dem Kind 12 Bücher liest, 2) Mama im Halbschlaf Seite 5 „falsch“ vorliest, 3) Mama dann auch verbietet, am nassen Wischlappen  zu saugen, den es aus der Spüle gefischt hat, während sie sich Kaffee macht. Mit oder ohne Erklärung.

Wenn Du also keine Kinder hast sage statt ÜberMama/ Rabenmutter folgende hilfreiche Worte
… Kann ich was helfen? / Wie kann ich helfen?
… Möchtest Du ein Glas Wasser?

… als Mutter, deren Kinder aus dem Gröbsten raus sind?
Dein Kind wollte seine Jacke auch nicht anziehen/sich im Kinderwagen anschnallen lassen/ aufhören, Papier in die Toilette zu schmeißen. Du hast anders reagiert als ich. Gelassener, strenger, garnicht. Das war Deine Entscheidung. Vielleicht weißt Du tief in Deinem Inneren, dass Du Dich manchmal anders verhalten hättest, hätte Dein Umfeld das zugelassen.  Du weisst, dass Muttersein harte Arbeit sein kann, egal, wie Dein Weg aussah, auch, wenn Du manches schon wieder vergessen hast.

Hilfreiche Worte, die Du teilen kannst:
… Alles nur eine Phase.
… Die Zeit, in der sie so klein sind, vergeht so schnell
… Kann ich was helfen? / Wie kann ich helfen?
… Möchtest Du ein Glas Wasser?

… als Mutter mit anderen Wertvorstellungen
Wir sitzen alle im gleichen Boot. Du brauchst Deine Energie für etwas anderes als Verurteilungen anderer Lebenswege. Wir suchen alle unseren Weg als Mutter. Sei neugierig, nicht verurteilend. Ich ertappe mich manchmal selbst dabei, eine Mutter zu bewerten, wenn sie mit dem Buggy in eine Filiale einer großen amerikanischen Fastfoodkette fährt. Aber auch sie will nur das Beste für ihr Kind. Vielleicht haben sie etwas zu feiern, oder einen akut niedrigen Blutzuckerspiegel – Burger statt Brüllen.

Hilfreiche Worte, die Du teilen kannst:
… Möchtest Du wissen, wie wir das machen?
… So geht es mir auch oft.
… Möchtest Du auch ein Glas Wasser?

Zum Kind können alle in brenzligen Situationen eigentlich immer sagen: „GuckGuck! …. Oh, Du bist ja gerade wirklich traurig/wütend…. Schau mal, da hinten fliegt ein Vogel/ Flugzeug / Supergrobi.“ Und zur Mutter: … Möchtest Du ein Glas Wasser? – Sagte ich das schon?

Falls Du nichts Hilfreiches sagen möchtest HALT. DIE. KLAPPE.

Wer sich ereifern möchte tut dies besser über die Situation der Mädchen in der Welt statt über die seelischen und körperlichen Schäden durch zuviel Kinderwagen. Wer sich wirklich um das Wohl von Kindern sorgt ünterstützt besser Plan International, die Björn Schulz Stiftung, die Nummer gegen Kummer. oder eine andere Initiative, die sich für das Wohl von Kindern einsetzt.

Inspiriert wurde dieser Beitrag u.a. von Mama denkt rage auf Twitter nach einer Definition für ÜberMama, und erklärte anschließend, sie sei als solche bezeichnet worden, weil sie stillt, und einem Buch, das ich neulich in der Bibliothek ausgestellt sah, „Mit der Flasche füttern ohne schlechtes Gewissen“.

Zum Weiterlesen:
Tina schrieb neulich über Moral und Wertvorstellungen und wie stark diese von unserer Umgebung und dem Kontext abhängen. Auch intessant dazu sind rages Beiträge über ihren FamilieAlltag und zu ihrem Jahresmotto Heimat finden 

Edit – noch mehr zum Thema:

No More Mommy Wars: Berlin Mitte Mom schreibt darüber, wie sie als Philantropin unter den Anfeindungen unter Müttern auf Blogs und in den Social Media Kanälen leidet.

10 Sprüche von Mama zu Mama, die wir nicht mehr hören wollen von Isabel auf dem little years Blog

 

10 Kommentare

  1. Ich finde die gegenseitige Toleranz so wichtig. Denn wenn wir Eltern es nicht sind und vorleben, wie sollen unsere Kinder dann tolerante Menschen werden?
    Ich glaube fest, dass jede Familie ein nur für sie passendes Familienleben hat. Gern schaue ich mir hier etwas ab und übernehme dort etwas. Daraus wird mein individuelles Familienkonzept.

    Bei mir dreht sich grad viel um die Frage: Ist das Kind noch nicht im.Kindergarten? Ich würde mir wünschen, dass das einfach akzeptiert wird, statt Vorurteil über Vorurteil über mir auszukippen.

    Vielen Dank für deinen Text!

    Liebe Grüße,

    Andrea

    • Liebe Andrea
      genau solche Diskussionen wie die um den Kindergarten meine ich – denn wäre Dein Kind schon im Kindergarten müsstest Du Dir vielleicht ganz ähnliche Urteile anhören. Vielleicht nicht in Berlin, ganz sicher aber 300km weiter westlich. Dabei sollte doch die Garantie auf einen Kitaplatz eigentlich nur die Wahlfreiheit erhöhen, nicht zu einem KitaZwang werden.
      Ich glaube ja, dass wir als Frauen/Mütter schon sehr viel mehr erreicht hätten wenn wir zusammen halten würden. Die politische Dimension ist aber noch einmal eine ganz andere.
      Viele Grüße
      Dina

    • Klasse auf den Punkt gebracht! Vielen Dank!
      Mir ist in den vergangenen Monaten durch die Begegnung mit dem „artgerecht-Projekt“ aufgegangen, dass wir „eine kooperativ aufziehende Art“ sind. Wir sind nicht dazu geschaffen, als Mütter rund um die Uhr mit unseren Kindern allein zu sein. Es braucht das berühmte Dorf, einen Clan – jemanden, der fragt: Kann ich helfen? Oder: Möchtest du ein Glas Wasser?… Ich vermute, wenn wir das klarer hätten, dann wäre das Verbindende zwischen Eltern mehr im Vordergrund als die Entscheidungen, die uns trennen.
      Viele Grüße!

      • Ja, ja und ja. Danke für den Hinweis auf das Artgerecht-Projekt. Ich finde, dass der Aspekt des Clans in den Diskussionen über das Attachment Parenting oft außen vor bleibt und AP die Mütter/Eltern dann überfordert.
        Irgendwo habe ich mal eine so schöne Geschichte gelesen, von einem japanischen Jungen, der mit seiner Tante das Bett teilt; der Junge bekommt die Sicherheit und Nähe, und die Eltern Zeit für sich und guten Schlaf, um für den nächsten Tag fit zu sein. Schon komisch, wenn es – wie bei mir – der Job ist, der ein wenig Abstand vom Alltagswahnsinn mit Kleinkind bietet.
        Liebe Grüße
        Dina

    • Danke – und vielen Dank für den Hinweis auf Deinen Blogbeitrag dazu. Den Aspekt, das die Kinder sich unser Verhalten abgucken und entsprechend handeln hatte ich garnicht bedacht, aber natürlich stimmt das:

      Wie sollen unsere Kinder lernen, andere Meinungen stehen zu lassen und wie sollen sie lernen, auch einmal über sich selbst zu lachen, statt gleich um sich zu schlagen, wenn wir Eltern bereits bei so simplen Themen, wie dem nächtlichen Schlafverhalten unserer Kinder allen Humor verlieren und wild um uns schießen?

      Liebe Grüße
      Dina

  2. Huch – ertappt! Ich nickte und nickte beim Lesen, bis der Abschnitt mit dem „Jedes Kind kann schlafen lernen“ kam. In dem Moment habe ich die Moralkeule ausgepackt und wollte zuschlagen: „Aber das geht wirklich nicht…“ Leicht beschämt las ich weiter und sage einfach: Danke Dina! Danke für deine Gedanken, fürs Spiegeln und für deine Vorschläge, wie ich stattdessen reagieren könnte. lg, Mirjam

    • Liebe Mirjam,
      natürlich gibt es Dinge, denen ich nicht zustimme oder die ich selbst nicht so machen würde. Und mein erster GEDANKE ist auch nicht immer „Mensch, toll, dass die Mutter so locker ist und ihre Kindern Chips und Cola im Buggy trinken lässt.“ Urteile zu fällen ist denke ich normal – ich plädiere nur dafür, a) sich selbst daran zu erinnern, dass die Mutter im Rahmen ihrer Möglichkeiten das tut, was sie für ihre Familie richtig findet, b) Urteile für sich zu behalten, und c) hilfreich zu sein statt den Samen des Zweifels zu säen.
      Ich freue mich, wenn Du etwas aus dem Text mitnehmen konntest.
      Liebe Grüße
      Dina

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