Von der #Konsumauszeit zu #KonsumEntscheidet

Ein Gefühl der Befremdlichkeit, als ich am Samstag Nachmittag in das nahe gelegene Einkaufszentrum gehe, um eine neurodermitistaugliche Hautcreme für Miss Bee zu kaufen. Besagtes Einkaufszentrum ist von der trashigen Sorte: Filialen einer Reformhauskette, Handyläden, ein Sportgeschäft, zwei 1-Euro-Läden Äquivalente, ein Supermarkt, von dessen Besuch mich der penetrante Brathähnchengeruch immer abhält, und ein muffiger Charityshop. Kettenrestaurants. Und die Drogerie, in der ich die konventionelle Hautcreme suche, die im letzten Winter die schuppige Haut heilte, nachdem eine die Öko-Wind- und Wettercreme uns im Stich lies.

Vielleicht liegt es an meiner schwangerschaftsbedingten Müdigkeit, vielleicht am Licht, das ob des schummerigen Dämmerlichts draußen grell und laut ist, aber all das kommt mir so befremdlich vor. Ich schau mir die Läden an, und frage mich, wer all das will, all das zu brauchen meint, all das kaufen soll.

Vom Essen im Müll und moderner Sklaverei

Dann denke ich an die Artikel, die ich in den letzten Wochen las, und die Bilder, die ich mir ansah. Von den Chicken Nuggets im Müll, den Möhren, die auf dem Feld untergepflügt werden, weil sie die falsche Form haben. An die männlichen Küken, die auf Förderbändern der Vergasung entgegenfahren. An die unvorstellbaren Arbeitsbedingungen der Menschen – „Wegwerfmenschen“ – die all die Güter produzieren, die es hier zu kaufen gibt, und an die Kinder, die später, wenn wir die Dinge nicht mehr mögen, auf der anderen Seite der Welt auf der Suche nach Wertvollem in unserem toxischen Müll herumstochern.

In diesem Moment möchte ich am Liebsten aussteigen. Nach Hause gehen, versuchen, mit Rapsöl gegen die schuppige Haut anzugehen, auf’s Land ziehen, mich selbst versorgen. Und so.

Lauren Singer beschreibt auf ihrem Zero Waste Blog Trash is for Tossers ihren Moment der Selbsterkenntnis. In Vorlesungen zur Umweltwissenschaften, die Lauren besuchte, packte eine Kommilitonin ihr Lunchpaket immer aus Einwegverpackungen aus, während in der Vorlesung darüber diskutierten, wie sich die Zukunft des Planeten retten ließe. Lauren regte sich über den Verpackungsmüll auf, den dies mit sich brachte, doch beim abendlichen Blick in ihren eigenen Kühlschrank wurde ihr klar, dass sie selbst nicht viel besser ist, und sie beschloss, fortan müllfrei zu leben.

Der Einzelne kann eh nicht machen – oder?

Irgendwie, irgendwann, hatte ich in den letzten Wochen so einen Moment, wenn auch unamerikanischer, leiser. Diesen Moment, in dem mir klar wurde, wie sehr meine eigene Überzeugung, der Wunsch, den Planeten nicht zu ruinieren, und mein alltägliches Verhalten auseinanderklaffen. In dem mir klar wurde, dass ich lediglich die ganz einfachen Sachen tue, um die Umwelt nicht allzu sehr zu belasten, aber mich auch nicht sonderlich anstrenge, was viele Aspekte eines nachhaltigen Lebens angeht. Nur, weil ich im Dezember auf Spargel verzichte und meine Jutebeutel (fast) immer im Rucksack habe, ändert sich die Welt nicht.

Früher, als Schülerin, als Studentin, hatte ich immer die Ausrede, nicht genügend finanzielle Mittel zu haben, um vollständig nach meinen eigenen Idealen zu leben. Dann war ich zu beschäftigt, zu unstet, zu müde. Aber, vielleicht kennt Ihr das, die eigenen Ausreden gehen einem ja auch irgendwann auf die Nerven. Hinter dem Gedanken, dass ich als Einzelne nichts ausrichten kann, versteckt sich ein ganzes Stück Bequemlichkeit.

„Immer wieder kommt mir Kants „sapere aude“ in den Sinn [Wage es, selbst zu denken.] Ich glaube, darum geht es letztendlich. Einen Moment innezuhalten, den Verstand einzuschalten, bestenfalls gut genug informiert zu sein, um die Entscheidung auch wirklich treffen zu können – und sich dann bewusst zu entscheiden mit allen Konsequenzen. Natürlich kann ich im Café mit Käfigeiern gebackenen Kuchen essen, ich darf nur nicht so tun, als wüsste ich nicht, was dahinter steckt.“

schreibt Sarah Schill in „Anständig leben“

Jede einzelne Konsumentscheidung, die wir treffen, hat Konsequenzen. Das, was wir nachfragen, wird produziert. Bisher habe ich oft so getan als wüsste ich nicht, was dahinter steckt, und das Ausmaß war (und ist) mir nicht klar (z.B. 98% aller tierischen Produkte in Deutschland stammen aus Massentierhaltung. Acht-und-Neunzig-Prozent!; es gibt heute 38 Millionen Sklaven) Konsumauszeit für immer funktioniert – jetzt und für mich – nicht, aber: da geht noch was. Meine eigene Nachfrage, auch wenn sie noch so reduziert ist, muss gezielter sein. Herausfordern kann ich mich weiter, und weil #KonsumEntscheidet, mache ich gleich bei der nächsten Challenge mit. Eine Bestandsaufnahme könnt Ihr hier auf FindingSustainia lesen. Wer, wenn nicht ich?

4 Kommentare

  1. Hallo Daija!

    Da tut sich ja gerade einiges bei Dir. Deinen Ausflug ins Shopping-Center kann ich gut nachvollziehen, mir geht es auch so und ich bin total froh, dass ich all das vermeiden kann und derzeit die Geschäfte meist erst lange nach Ladenschluss besuche, wenn außer mir niemand mehr da ist.

    Ich bin überzeugt, dass Du einen guten Weg für Dich finden wirst. Motivation hast Du Dir ja genug geholt durch die Videos, die Du angeschaut hast.

    ABER BITTE – werte, das, was Du machst, nicht ab. Damit hast Du schon viel beigetragen!

    lg
    Maria

    • Liebe Maria

      hm, interessant, dass es sich so liest als würde ich meine bisherigen Bemühungen nicht wertschätzen. Ich habe nur gemerkt, dass ich mich oft trotz besserem Halbwissen/ Ahnen nicht gerade nachhaltig verhalten. Und in meiner Situation (finanziell, zeitlich) ist einfach noch mehr drin – Butter bei die Fische, wie man so schön sagt.

      Liebe Grüße
      Daija

  2. Hallo Daija,

    genau wie Maria finde ich, dass du deine bisherigen Umstellungen und Gedanken nicht klein machen solltest. Niemand startet perfekt, sondern wir bewegen uns immer ein Stückchen weiter (aus unserer Komfortzone heraus) und leisten soviel, wie uns in diesem Moment möglich scheint. Wenn du zurückschaust und denkst, dass du damals viel weniger gemacht hast, als du jetzt tust bzw. tun kannst, dann zeigt das doch auch, dass du dich weiterentwickelt hast. Und auch unser Wissen wächst nach diesem Muster. Jetzt da du z.B. um die Eier aus Massentierhaltung weißt, wirst du in Zukunft mit einer ganz anderen Haltung an Kuchen etc. gehen.

    Das Zitat von Sarah Schill finde ich übrigens sehr gut und werde das Buch auf jeden Fall meiner Mutter weiterempfehlen, die sich gerade sehr stark mit Nachhaltigkeit und Alternativen zu Plastik auseinandersetzt.

    Liebe Grüße, Svenja (Apfelmädchen)

    • Liebe Svenja,

      hast Du die Rezension über „Anständig leben“ schon auf Marias Blog gelesen? Es ist ganz unterhaltsam, gibt aber eigentlich nur im hinteren Teil des Buches Tipps/ weiter Hinweise. Ich habe mich in den Buch wiedergefunden, weil Sarah Schill auch beschreibt, dass sie sich eigentlich schon für eine relativ umweltbewussten Konsumentin hielt – dem bei genauerer Betrachtung aber nicht stand hielt.

      Mir ging es nicht unbedingt darum, meine Bemühungen klein zu reden, sondern eher um diese Spannung zwischen meinem Wissen, meinen Ueberzeugungen und meinen Handlungen, die ich gern stärker auflösen will. Ist ja nicht so, dass ich nicht wusste, dass es Massentierhaltung gibt – nur die Verbindung zwischen dem – JEDEM – Kuchen im – JEDEM – Cafe und den Haltungsbedingungen habe ich eben nicht gemacht.
      Dafür gibt es bestimmt einen psychologischen Fachbegriff 😉

      Herzliche Grüße
      Daija

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