Was ist ein einfaches Leben?

In den kommenden Wochen kannst Du hier jeden Donnerstag eine Beitrag zum Thema Vereinfachen lesen. Zum Einstieg geht es darum, was ein einfaches Leben ist, warum Menschen das wollen, und erste Gedanken dazu, wie wir dorthin kommen.

Was ist ein einfaches Leben?

Unter einem einfachen Leben verstehe ich ein Leben, bei dem ich mich auf das, was mir wirklich wichtig ist, konzentriere; alles andere entferne ich in einem fortlaufenden Prozess, soweit dies möglich ist.

Das Schaffen eines einfaches Lebens, auch downshifting oder Minimalismus genannt, ist ein bewusster Prozess, in dem Menschen sich von einem unreflektierten Konsum und einer ‚Hast-Du-was-dann-bist-Du-was‘ Mentalität abwenden.

An Stelle dessen tritt ein Konsumverzicht oder kritischer Konsum; die Spannbreite ist dabei groß, – vom Selbstversorger-Aussteiger bis hin zum kritischen Konsumenten, dem es darum geht, sich mit schönen, sorgfältig ausgesuchten Dingen zu umgeben. Bei einem einfachen Leben geht es nicht unbedingt darum, Geld zu sparen. Mit einer Geiz-ist-geil Mentalität hat es wenig zu tun.

Wenn man sich freiwillig für ein einfaches Leben entscheidet, geht es primär nicht um ein ‚Weniger‘ sondern um ein ‚Anders‘; in diesem Fall ist eher ein ’side-shifting‘ als ein ‚downshifting‘. Eine kleinere Wohnung, ein Verzicht auf Unterhaltungsmedien oder die Ablehnung von Shopping als Freizeitbeschäftigung sind kein Selbstzweck. Es geht darum, mehr Raum zu schaffen für individuell unterschiedliche Prioritäten: mehr mehr Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen, Spiritualität, Lernen und persönliche Weiterentwicklung, Kreativität, Wohlbefinden oder soziales Engagement.

Warum wollen Menschen ein einfaches Leben?

Hinter dem Wunsch nach einem einfacheren Leben steckt die Sehnsucht nach mehr Lebensqualität in einer immer komplexer werdenden Welt. Technologien wie das Internet bieten uns viele Möglichkeiten, über alles und jedes auf dem Laufenden zu bleiben und durch smartphones sind wir jederzeit und an jedem Ort erreichbar – auch für den Chef. Das führt zu Stress und im Schlimmsten Fall Burn out. Viele von uns fühlen sich immer weiter steigenden Ansprüchen am Arbeitsplatz aber auch in der Familie ausgesetzt. Wir fuehlen uns ueberlastet und ausgebeutet, oder auch gelangweilt in Jobs, die uns nichts bedeuten, dem sogenannten  ‚Bore-Out‘. Auch ökologische und soziale Gründe spielen eine Rolle – das Ausmass des Konsums in ‚der westlichen Welt‘ hat verheerende Auswirkungen hier, vor allem aber auch in anderen Teilen der Welt. Beispiele gibt es viele: die Arbeitsbedingungen in Sweat Shops, in denen Fast Fashion oder billiger Nippes produziert wird, oder der Abfall, der in Übersee oder im Meer landet.

Das ‚einfache Leben‘ verspricht eine Alternative – Menschen wollen weniger ihrer Zeit gegen Geld eintauschen, nur um von diesem Geld Dinge zu kaufen, die sie eigentlich nicht brauchen. Viele von uns erinnern sich sicher auch an Zeiten in unserem Leben in denen wir weniger Geld zur Verfügung hatten, aber irgendwie mehr Spass oder Freude.

Wie kommen wir zu einem einfacheren Leben?

Oftmals ist also eine zunehmende innere Unzufriedenheit der Anstoß für Menschen. Auch eine Veränderung äußerer Umstände, wie der Verlust einer geliebten Person, führen dazu, dass wir die Prioritäten in unserem Leben in Frage stellen.

Der erste Schritt zu einem einfacheren Leben ist oft ein mehr oder weniger drastischer ‚Befreiungsschlag‘. Oft fängt es ganz harmlos mit dem Ausmisten oder Entrümpeln der äusseren Umgebung an. Schreibtisch und Kleiderschrank werden von allem Unnützem befreit. Weniger Kram und der Entschluss, weniger zu Konsumieren führen zu mehr Zeit.

Wenn wir das Alte loslassen (müssen) kann etwas Neues entstehen.

Mehr Raum und Zeit führen bei vielen Menschen dazu, in einem zweiten Schritt darüber, wie sie ihre Zeit verbringen wollen. Einkaufen als Freizeitbeschäftigung wird aufgegeben, Verpflichtungen, die uns nicht erfüllen oder wirklich wichtig sind aufgegeben. Das kann ganz unterschiedlich aussehen, es geht im Wesentlichen darum, sich von materiellen und nicht-materiellen Zwängen zu befreien und statt dessen Dinge zu tun, die uns wirklich wichtig sind.

Manche sagen, dass Loslassen des Alten und des Nicht-Brauchbaren ganz einfach ist, wenn die Einstellung stimmt. Persönlich glaube ich jedoch, dass wir mit anderen Wertvorstellungen groß geworden sind permanent Werbebotschaften ausgesetzt sind, was wir wollen sollen in vielen Fällen Familie, Freunde und Bekannte nicht unterstützen sondern eher skeptisch sind.

Während manche Menschen vielleicht eine Art Erweckungserlebnis haben, ist das Schaffen eines einfachen Lebens ein Prozess. Rückfälle werden immer wieder vorkommen; wir werden auch in Zukunft manchmal Dinge kaufen, die wir nicht wirklich brauchen, oder die unseren neuen Ansprüchen nicht entsprechen.

Unser Leben ist im Hier und Jetzt – warten wir nicht darauf, bis es ‚einfach‘ genug ist, um es zu geniessen.

Was bedeutet ein einfaches Leben für Euch? Wollt Ihr das überhaupt? Was beschäftigt Euch im Vereinfachungsprozess am Meisten?

15 Kommentare

  1. Ziemlich komplex und umfassend geschrieben. Es enthält so gut wie alles, was ‚Minimalismus‘ ausmacht. Wir sind schon seit einiger Zeit dabei und je mehr Ballast man abwirft, desto mehr wächst das Bedürfnis, sich noch mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren, herauszufinden, was es wert ist, getan und genossen zu werden.
    VG, Franka

    • Hi Franka, spannend, wie Du diesen Prozess beschreibst; das wachsende Bedürfnis klingt nach einem Prozess, der fortlaufend ist – wir sind nicht irgendwann ‚fertig vereinfacht‘ – im Gegenteil, es gibt immer noch mehr zu entdecken und zu lernen. Viele Grüsse!

      • Genau so ist es. Ein langsames Wachsen in diese Richtung ist auch sicher ‚haltbarer‘ bzw. dauerhafter als Haltung.

  2. Wunderbar zusammengefasst, werde ich bei Gelegenheit auch mal zitieren.
    Bei mir ist es ebenfalls ein „langsames Wachsen“, auch wenn das mal schneller und mal langsamer geht. Momentan ist es eher ein Gefühl von „ich muss ganz viel anderes machen und kann mich gar nicht richtig diesem Thema widmen“, um dann etwas später festzustellen, dass man sich infolgedessen sehr weiterentwickelt hat, was wiederum zur Folge hat, dass man vieles aussortieren oder vereinfachen kann, weil es in der jetzigen Form nicht mehr zu einem passt. So oder so ist und bleibt es ein spannender Prozess 🙂

    • Schön, dass Dir die Zusammenfassung gefällt. Ich habe eine Weile gebraucht um zu akzpetieren, dassVereinfachen ein Prozess ist, der lange dauert/immer weiter geht – und keine HauRuck-Aktion, einmal durchgeführt, fertig. Du hast Recht – manchmal müssen die Dinge einfach reifen, und das passiert manchmal am Besten, wenn man mit etwas anderem beschäftigt ist.
      Ich hatte mich eine Weile lang am Vereinfachen meines Badezimmers festgebissen. Nachdem ich letzte Woche darüber schrieb und das Thema ein paar Tage ruhen lies, löste sich plötzlich der Knoten und es war kinderleicht.

      • Ich habe lustigerweise nach dem Lesen des Artikels auch spontan ein paar Gedanken dazu zu (Blog-)Papier gebracht. Der Feinschliff fehlt noch, aber das Hirn ist fleißig am Rattern 🙂

  3. Pingback: Der nächste Schritt. | von allem zu viel.

  4. Pingback: Gelassen vereinfachen – Minimalismus ohne Stress | liebevoller leben

  5. Für mich hat sich die Welt in den letzten Jahren sehr verändert. In einer Art und Weise, wie ich es als anstrengend und nervig empfinde. Alles wurde so beschleunigt, dass es mich atemlos macht und irgendwann hat das bei mir den Wunsch nach Entschleunigung und Rückbesinnung ausgelöst. Es war mir zu viel und ich wollte nicht mehr mitmachen. Das Leben war mir zu kompliziert und unstet geworden. Die Sehnsucht nach einem einfachen Leben war die logische Folge für mich und ist eine langsame Entwicklung hin zur Natur.

    lg
    Maria

    • Das kann ich so unterschreiben. Für mich sind es hauptsächlich Internet, Handy und Co. Einerseits toll, so viele Informationen nur einen Klick entfernt zu haben. Andererseits vermisse ich die Verbindlichkeit aus der Zeit vor dem Handy, und innere Ruhe, um mich auf ein Buch zu konzentrieren. Am Entschleunigen arbeite ich noch, da geht noch was.

      • Ich denke heute beim Staubsaugen über deine Texte nach. 🙂 Man muss einfach für sich selbst rauskriegen, was einem Spaß macht. Das Selbermachen, Flohmärkte, Social Media, Sachen reduzieren, tauschen, Gartenarbeit, shoppen – und in welcher Dosierung. Und sich das Leben entsprechend einrichten und schauen, wie sich das immer wieder verändert und von selbst reduziert und an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Ein Brot backen? Ich wüsste gar nichts damit anzufangen. Da schrieb sogar auf einem Selbstversorgerblog eine Frau. dass sie im 2. Jahr auf dem Hof nur noch anbaut und wild sammelt, was sie auch verbrauchen. Also selbst da ist es Thema und sonst überflüssige Arbeit.

        • Vielen Dank für Deine weiteren Gedanken und die Ermutigung. Rauskriegen, was einem Spaß macht und vor allem darauf achten, wie es sich verändert. Sich von den Gedanken zu verabschieden, alles auf einmal zu machen / zu wollen, oder ‚fertig‘ zu sein (im Sinne von ‚erleuchtet‘). Ich bin froh, dass ich in diesem Bereich weiter lerne.

  6. Pingback: Best things are free, part 23. | von allem zu viel.

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