Weihnachten – Geschenkeflut und neue Traditionen

Wir sind Vorbilder, gute und schlechte, 24 Stunden am Tag. – Jesper Juul

“Was vermitteln wir unseren Kindern, wenn wir sie zu Weihnachten Geschenke im zweistelligen Bereich öffnen lassen?”
fragte Marlene neulich ihrem Beitrag zur weihnachtlichen Shoppingwut und Werten. Sie beschrieb, wie sie davon träumt, dass ihr Kind ein oder zwei qualitativ hochwertige Geschenke unter dem Tannenbaum öffnet, und dann das verbleibende Weihnachtsfest zufrieden damit spielt. In der Realität öffnet es Geschenk um Geschenk, beachtet den Inhalt kaum und fragt “Mehr?”

Wie wünschen wir uns Weihnachten/Geburtstage/besondere Anlässe?
Im Moment ticke ich noch so, dass physische Geschenke für mich zum Weihnachtsfest dazu gehören, auch wenn es Weihnachten um etwas anderes geht – christliche Traditionen und das Zusammensein mit der Familie. Das Schenken gehört dazu. Ich möchte meinem Kind etwas Gutes tun, Miss Bee Dinge schenken, die ihre Kreativität fördern, oder ihre Geschicklichkeit, ihre Entwicklung, und an denen sie sich erfreut.

Ich bin versucht, zu meiner Verteidigung zu sagen, dass wir vergleichsweise wenig Spielsachen zu Hause haben und sie aus manchen Dingen nun mit 2,5 rausgewachsen ist. Ich habe diesen nagenden Zweifel in mir, ob mein Kind wirklich genug hat, um sich optimal zu entwickeln. Motiv 1 für’s Geschenke kaufen: Ich habe Angst, dass ich ihr wichtige Entwicklungsschritte erschwere, wenn ich ihr nicht ein Mindestmaß an Materialien zur Verfügung stelle. Vielleicht versuche ich damit etwas zu kompensieren – das Gefühl, als Mutter nicht gut genug zu sein? Ein bisschen schwingt auch die Angst mit, dass sie mir am Rockzipfel hängt, wenn sie nicht genug Spielsachen hat um sich selbst zu beschäftigen. Und ein wenig auch meine eigene Langeweile, wenn wir zum 50sten Mal das 24-teilige Puzzle zusammenstecken.

Unbewusster ist Motiv 2: Ich will ihr durch Dinge meine Liebe zeigen. Weil ich gelernt habe, dass das eben so geht. Ein Teil von mir setzt das Kaufen/Schenken von Dingen noch immer damit gleich, sie glücklich zu machen. Wir lernen das von Kindesbeinen an. Dieses Vermischen von Dingen mit Zuneigung oder Liebe möchte ich aber nicht weiter vermitteln. Auch nicht, dass viele Geschenke viel Liebe bedeuten.

Was dann? Zum Einen möchte ihr vermitteln, dass sie wertvoll ist, weil sie sie ist. Zum Anderen, zum Fest, möchte ich, dass sie es wertschätzt, mit der Familie zusammen zu sein. Gemeinsam zu backen, zu spielen, Dekorationen zu basteln. Man braucht kein Psychologe zu sein, um zu erkennen, warum mir das schwer fällt: in meiner Herkunftsfamilie wurde all das nicht gelebt. Oder nur sehr am Rande. Es ist an mir, neue “Traditionen” zu entwickeln.

Meine Tochter ist noch klein, um Wünsche zu artikulieren, zu sagen, dass andere Kinder viel mehr Spielsachen besitzen als sie oder um sich mit Anderen zu vergleichen,. Irgendwann wird sie das Gleiche zu wollen wie ihre Freunde. Das werde ich nicht vermeiden können.

Was kann ich aber machen?
Ich kann Vorbild sein. Ich kann immer wieder mein eigene Einstellung reflektieren und mein Konsumverhalten verändern. Ich beschäftige mich noch immer viel mit Dingen, stöbere oft in Charity Shops nach gebrauchtem Holzspielzeug o.ä., auch wenn wir nichts brauchen oder kein besonderer Anlass ansteht.

Meine Zeit wäre besser darauf verwendet, ‚einfach‘ nur mit ihr zusammen zu sein. Präsent und achtsam zu sein. Ihr auch beim 51. Mal zu zusehen, wenn sie das Puzzle zusammensteckt. Das finde ich manchmal erstaunlich schwer. Zeit bei Freunden zu verbringen, die andere Dinge als wir haben, und auch mal Sachen zu tauschen – ein anderes Puzzle muss ja kein Gekauftes sein. Mich zu entspannen und mich und sie unter weniger Entwicklungs-/Leistungsdruck zu setzen.

Geschenke gibt es in diesem Jahr trotzdem. Mehr als ich mir vorgenommen habe, und auch dem Streit mit der Verwandschaft, die ja mehr für die Geschenkeflut verantwortlich ist als wir selbst, bin ich aus dem Weg gegangen. Doch ich werde mir große Mühe geben, den Fokus auf die Bedeutung des Festes, die gemeinsamen Aktivitäten und die Familienzeit legen – und nicht auf die Dinge.

Apropos Traditionen: Welche Eurer Traditionen zum Weihnachtsfest ist Euch die Liebste?

12 Kommentare

  1. Ach ich kenne dieses Dilemma. Eigentlich sollte mein Sohn auch nur die DIY Upcycling Kinderküche bekommen. Dann fand ich im Second Hand noch ein nieldiches Kinderback-Set, was so schön dazu passte. Und jetzt hab ich ihm noch so einen Öko-Mais-Bambus Trinkbecher gekauft, weil ich will, dass das olle Plastikteil endlich verschwindet.
    Aber den in Charity-Shops zu kaufen (wenns denn schon sein muss) find ich sehr gut und auch ich will wieder achtsamer beim spielen sein! Da hast du nämlich Recht, das ist das schönste Geschenk!!

    • Gut zu lesen, dass es nicht nur mir so geht. Deine Geschenke klingen wunderbar – und wenn es nur dabei bliebe, wäre ja auch alles in Ordnung. Aber wie Du selbst neulich schriebst sind Oma und Opa nicht damit zufrieden, einen Zuschuß zum nötigen Kleiderschrank zu geben. Spielzeug muß scheinbar sein.
      Das Zweite-Hand-Kaufen ist bei mir so ein zweischneidiges Schwert: ich möchte gebraucht kaufen, weil ich gute Qualität für weniger Geld bekomme und keine neuen Ressourcesn verwendet werden um die Spielsachen herzustellen. Der Nachteil ist jedoch, dass ich recht häufig in Läden gehe (oft finde ich nichts Brauchbares, es gibt viel Plastik etc) und mich frage, ob das denn sein muß. Ob ich nicht auch gebraucht gezielter kaufen sollte, vielleicht online? Um Zufriedenheit zu vermitteln, und um einfach mehr Zeit zu haben – denn was bringen die Spielsachen, wenn ich mir keine Zeit nehme zum Spielen?

      • Mir geht es auch oft so. Für unsere Nichte waren wir in letzter Zeit auf vielen Flohmärkten unterwegs um so eine Art Rutscher/Auto möglichst aus Holz zu bekommen. Aber überall nur Plastikspielzeug. Wir haben letztendlich doch einen fahrbahren Hund aus Plastik genommen, die sich lösenden Aufkleber abgekratzt und neu bemalt. Bei Mamikreisel oder In den Kleinanzeigen hätte es aber bestimmt auch was aus Holz gegeben. Bin da auch immer hin und her gerissen.

  2. Schön von Deinen Zweifeln zu hören, ob Du Deinem Kind genug bietest. Schön deshalb, weil ich dann nicht alleine damit bin. Aber diese Gedanken kommen doch nur, weil es so viele Spielsachen gibt. Und sicher auch sinnvolle und schöne. Aber Kinder brauchen doch so wenig. Beobachten und ergänzen, aber nichts vormachen lassen, auch nicht von Öko-Alternativen-Was-Weiß-Ich-Was-Firmen.
    Unsere 2,5 Jährige hat auch wenig Spielzeug (aber noch genug um das ganze Wohnzimmer damit zu bombardieren). Letztes Jahr lagen zwei Holztiere unterm Baum, Erbstücke von meinen Geschwistern und mir. Diese wurden seitdem jeden Tag bespielt und ich kann mir nicht vorstellen, dass die so schnell langweilig werden. Dieses Jahr wird der vererbte Zaun dazu drunter liegen. Sonst nichts. Jetzt, zum dritten Weihnachten, haben wir das auch halbwegs mit den Großeltern geklärt. Das war ein langer Prozess und spontane Überflusskäufe sind leider noch nicht ganz auszureden, aber es wird besser.
    Ich bin gespannt wie es wird, wenn eigene Wünsche aufkommen, vor allem, wenn von anderen Kindern abgeguckt wird. Und wünsche mir insgeheim oft, dass mein Mädchen mal in eine Kindergruppe kommt, wo die Eltern so ticken wie wir. Dann gäbe es zumindest keine Schrottwünsche, oder?
    Lieben Gruß!

    • Vielen Dank für Deine Gedanken – toll, wie Ihr das macht und vor allem toll, dass Ihr die Großeltern auch überzeugen konntet.
      Natürlich hast Du Recht, diese Gedanken kommen mir nur, weil die Auswahl so groß ist – und weil auch „Öko-Alternativen-Was-Weiß-Ich-Was-Firmen“ mir sagen, was mein Kind für die Entwicklung braucht. Ich weiß garnicht, wie ich selbst ohne 12-teiligen Regenbogen und (mein neuster Floh, den ich hoffentlich niemand anderen ins Ohr setze) Spielständer groß geworden bin. So komisch – meine eigenen Wünsche kann ich ganz rational betrachten und fühle mich einigermaßen unbeeinflußbar. Beim Kind ist das anders. Ich habe das Gefühl, ich muß ständig gegen meinen Wunsch ankämpfen, eine Kinderküche zu kaufen. Eigentlich weiß ich, dass sie woanders genug Möglichkeit hat, damit zu spielen (ihre beste Freundin hat eine und die Tagesmutter auch). Trotzdem schaue ich immer wieder mal in den Kleinanzeigen.
      Wie machst Du Dich davon frei?

  3. Hallo Dina,
    Tolle Weiterführung zu meinem Artikel. Ich stimme dir zu, ich kauf auch oft mal neues Spielzeug, weil MIR mit dem alten langweilig wird! Dabei sagen die klugen Psychologen doch, dass Kinder sich ruhig mal langweilen sollen, um kreativ zu werden!
    Ich habe in letzter Zeit aber auch gute Erfahrungen damit gemacht, mit befreundeten Eltern Spielzeug zu tauschen. Dann lernen die Kinder gleich noch, dass man ausgeliehenes gut behandelt und wieder zurückgibt – das gleiche gilt auch für Bibliotheksbücher (da wird mir sonst beim Vorlesen auch langweilig.
    Von den meisten Eltern hab ich gehört, dass nicht die eigenen Geschenke das Problem sind, sondern die der anderen Verwandten. Doof, wenn das dann zu Streit führt!
    Liebe Grüße und ein gemütliches Weihnachtsfest mit neuen, eigenen Familientraditionen!
    Marlene

    • Liebe Marlene,
      mit dem Spielzeugtausch haben wir jetzt auch begonnen (Puzzle). Meine Freundinnen und ich sind uns einig, dass die Kleinen genug Dinge haben, aber trotzdem Abwechslung nicht schaden könnte. Mit einer befreundeten deutschen Mutter habe ich neulich auch Bücher getauscht. Ein Stück weit werde ich um das Kaufen in diesem Fall nicht herum kommen, denn in der Bibliothek gibt es eben nur englischsprachige Literatur.
      Wir werden sehen, was unter dem Weihnachtsbaum letztlich liegt, und ob ich das GEfühl habe, beim nächsten Mal einschreiten zu müssen. Bei uns wäre schon viel getan, wenn ich nicht auch noch schenken „müsste“.
      Lieben Gruß
      Dina

      • Guter Punkt, bei mir in der Bibliothek ist fast alles auf Dänisch – da übersetze ich bisher immer live, was auch etwas anstrengend sein kann. Besonders schöne, geliebte Bücher möchte ich auch weiterhin kaufen. – Aber das weiß man ja oft erst nach dem Testlesen 🙂
        Liebe Grüße und ich wünsche euch auf jeden Fall entspannte Weihnachten (ich bin auch gespannt, wie viel es wird für die Kinder!)
        Marlene

  4. Liebe Dina,
    ich musste über die Frage nach den Weihnachtsritualen ein bisschen schmunzeln, denn wenn ich zurück denke, was mir als Kind an Weihnachten immer besonders gut gefallen hat, dann waren es nicht die Geschenke oder christlichen Bräuche (ehrlich gesagt kann ich mich genau an 1 Erinnern und ich habe sicher viel bekommen & und an noch eine Situation, wo ich das wollte, was meine Schwester bekommen hat, aber ich weiß nicht mal mehr, was es war..) sondern dass wir am Weihnachtsvormittag so viel fernsehen durften wie wir wollten und dass wir nachmittags immer mit meiner (viel älteren) Schwester ins Kino gingen und Christbäume zählten…
    Ich denke übrigens überhaupt nicht mehr an die „Förderfrage“ seitdem ich (wie immer nur die ersten 50 Seiten ;-)) von „Wie Kinder heute wachsen“ gelesen habe, vielleicht ist das für dich ja auch was.
    Hast du schon „no drama discipline“ gelesen? Bin noch immer nicht dazu gekommen, leider.

    Liebe Grüße,

    Birgit

    • Liebe Birgit,
      mit unbegrenztem iPad könnte man Miss Bee auch eine Freude machen, sie sieht sich im Moment unheimlich gern nursery rhymes an, die sie selbst auf YouTube findet (ich habe ihr das nicht gezeigt…).
      Toll, dass Du bei der Förderfrage so gelassen bist. Kannste darüber nicht mal bloggen? Ich wüsste gern, wie Du dahin gekommen bist und wie das jetzt aussieht. Das Buch setze ich dann mal auf meine Leseliste (zu No Drama Discipline ;-)). Gerade lese ich „The Whole Brain Child“, weil ich mir denke, dass mir etwas Hintergrund gut tut (und weil es das, im Gegensatz zu „No Drama Discipline“ in der Bibliothek gab).
      Lieben Gruß
      Dina

  5. Pingback: Oh du … festlicher Müll. | Verrücktes Huhn - Neues aus dem wahren Leben

  6. Liebe Dina, ein sehr schöner Text von dir. Kann deine Gedanken gut nachvollziehen, weil wir sehr ähnliche Einstellungen von Konsumverhalten und die Geschenkeflut (gar nicht mal nur zu Weihnachten, sondern oft das ganze Jahr über) angeht.
    Und wie du schon sagst – fangen wir bei uns selbst an.

    Herzliche Grüße, Nina

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