Zu Hause bleiben? Ja!

“I thought you are doing an amazing job”, sagt meine Vorgesetzte, als ich ihr meine Kündigung gebe. Sie ist überrascht, fand sie doch, dass ich meine Arbeit gut gemacht habe. Gleichzeitig ist sie verständnisvoll. Ihre Schwester ist vor wenigen Monaten an Krebs gestorben; sie kann nachvollziehen, dass sich meine Prioritäten durch die Krankheit verändert haben. Unter geht in dem Gespräch, dass ich auch und vor allem kündige, weil ich mittelfristig keine Aufstiegsmöglichkeiten in meinem Job sehe.

Ihr schriebt mir, dass ich die Antwort auf meine Frage, Zu Hause bleiben – ja oder nein?, schon wüsste. Letztlich kam die Klarheit durch das Schreiben, und dies öffentlich zu tun erhöhte den Druck, auch zu handeln. Seit Wochen quälten mich diese Überlegungen, weil ich aus vielen guten Gründen weiter arbeiten wollte. Gleichzeitig aber merkte, dass mein derzeitiger Job nicht mehr für mich stimmt, und dass es unrealistisch ist, einen Neuen zu finden, der für uns als Familie passt, geschweige denn, genug zahlt, um auch nur annähernd die Kosten zu decken.

Das ist nun so.

Ich träume von einer Welt, in der ich meine Entscheidung anders treffen könnte. Mit günstigerer Betreuung, in die ich Vertrauen habe. In der ich mir die Verantwortung für das Häusliche mit meinem Mann besser teilen kann, ohne Präsenzkultur, Geschäftsreisen und Einkommens(Niagara)(ge)fälle. In der ich mir keine Sorgen machen muss, dass meine Entscheidung zu einer Annäherung an eine Rollenverteilung, wie sie in den 1950ern üblich war, beiträgt. In der ich gesund bin und mehr Energie habe. Oder einer, in der die Arbeit, die ich von jetzt an tun werde, mehr Wertschätzung erfährt. Aber die Verhältnisse, sie sind nicht so.

Oberflächlich betrachtet lief bis zuletzt alles rund: die Kinder tragen saubere Kleidung in der richtigen Größe, Stolper(Duplo)steine werden aus dem Weg geräumt, wir essen frisch gekochtes Biogemüse, ich komme rechtzeitig zur Arbeit und auch wieder nach Hause, um die Kindern ins Bett zu bringen. Dazwischen erledige ich alle Aufgaben, die ich erledigen soll. Wie es sich eben für so eine brave Mittelklassefrau gehört. Voll funktionsfähig. An manchen Abenden sehe ich mir die Mädchen an, wenn sie (endlich!?) friedlich schlummern, und denke, dass ich sie den ganzen Tag nicht wirklich gesehen habe. 268 Mal habe ich “gleich” gesagt, um „nur schnell“ die Waschmaschine anzustellen, die Windel zu wechseln, den Müll raus zu bringen, oder den Brokkoli zu Ende zu schneiden. Dann denke ich:

Ich will es aber anders, ich will aber mehr.

Ich will mich gesund fühlen und spielen und Geduld haben und Freude empfinden und achtsam sein und gut essen und mit meinen Freundinnen telefonieren oder sie sogar mal sehen und gut schlafen und mal wieder wirklich mit meinem Mann sprechen und schreiben und etwas Neues lernen und meine Ruhe haben. Meinetwegen auch mal Muffins backen (muss aber nicht sein) und noch ein Feen-Buch vorlesen. Mein Leben nicht verpassen, krank, gestresst und im Hamsterrad. Das geht im Moment eben nur, wenn ich den Job aufgebe und den Kopf freibekomme. Andere Möglichkeiten gäbe es in der Theorie oder in meiner Wunschvorstellung; in beidem kann ich aber keine Entscheidung treffen.

Und ja, es geht mir besser, seitdem ich die Entscheidung getroffen habe, trotz der Angst vor der Zeitreise zurück in die 50er. Es klingt ein bisschen platt, aber letztlich geht es eben darum, dass ich eine Tür schließen muss, damit sich eine andere öffnen kann. Wir werden sehen, was kommt.

7 Kommentare

  1. Ein toller Beitrag. Ich kann deine Überlegungen und Beweggründe sehr gut verstehen. Ich wünsche dir alles Gute – wie du sagst, manchmal muss man eine Tür schließen damit sich eine andere öffnen kann.

    Alles Liebe, Kornelia

  2. Meine Liebe, wie Du weißt, lebe ich seit der Geburt der Zwillinge auch wie „in den 50er Jahren“. Mein Mann arbeitet Vollzeit, ich bin zuhause. Wenn er zu Hause ist und am Wochenende teilen wir uns die Arbeit mit den Kindern auf, bringen abends abwechselnd ins Bett, einer fährt zum Schwimmen, einer holt ab usw. Aber unter der Woche tagsüber sind die Kinder und ihre Termine mein Job, ebenso das Haus, der Garten, der Einkauf, die Wäsche. Dass alle passende Kleidung für alle Wetterlagen, dass wir ein Geschenk für den Kindergeburtstag da haben, dass die Kindef zur Prophylaxe gehen und dass ausreichend Bleistifte für die Schule da sind. Das ist meine Arbeit, ich empfinde es als nichts anderes und schon gar nicht als etwas Minderwertiges. Wenn meine Kinder nach Hause kommen, ist Mama da. Es gibt jeden Abend frischen Salat. Und mein Mann bekommt selbstgebackenes Brot für seine weizenfreie Diät. Und zwischendurch kann ich zum Sport gehen, mit einem Buch im Gras liegen oder shoppen gehen in dem Wissen, dass mein Mann dieses Modell voll und ganz unterstützt. Was aus mir werden soll, wenn wir uns mal trennen? Tja, ein Risiko, keine Frage! Aber wir haben gemeinsam schriftlich festgelegt, dass mein Mann dann für mich sorgt, weil ich ihm und den Kindern zuliebe auf Rente und Karriere verzichtet habe. Dafür gibt es eine Garantie, und ein findiger Anwalt würde ihn da vermutlich rauskriegen, aber darüber denke ich nicht nach. Im Moment ist es gut so, wie es ist, und man kann nicht für alle Eventualitäten vorsorgen- man kann Krebs kriegen, man kann überfahren werden, dein Kind stirbt, obwohl vorher eine 90%- Chance auf Heilung besteht. Wir haben nur das eine Leben und müssen das beste daraus machen. Manchmal muss man dafür neue Wege gehen. Und nichts bleibt für die Ewigkeit.
    Eine Umarmung aus B.

  3. Katrin

    Schöner Post und gute Kommentare!:) Ich möchte ganz, ganz viele liebe Grüße nach London schicken, da ich irgendwie jetzt doch überwältigt bin, dass es mit der Entscheidung und Konsequenz sooo schnell ging nach dem letzten so berührenden Post mit der Schilderung der Arbeitssituation!
    Ich wünsche ganz, ganz viele bereichernde Kinder- und Mußestunden für die nächste Zeit, die hoffentlich sehr, sehr „amazing“ werden wird! (-noch viel mehr, als der Job es war ;-)!)
    Genießt es! Ich fühle richtige Erleichterung von dieser Entscheidung zu lesen, denn mir schnürte es richtiggehend das Herz zusammen, als ich den anderen Artikel las….
    Sehr herzliche Grüße von Katrin

    • Liebe Katrin,
      ich danke Dir für Deine guten Wünsche. Ganz so schnell ging es mit der Entscheidung nicht. Ich überlege ja schon seit mehreren Wochen, wie und ob es mit dem Job weiter gehen kann. Den ersten Beitrag zu schreiben half mir, die Situation wirklich klarer zu sehen. Im Moment bin ich erleichtert, und vertraue einfach einmal darauf, dass es irgendwann auch beruflich wieder weiter geht. Wie auch immer.
      Herzliche Grüße
      Daija

      • Katrin

        Ach, dass so eine Entscheidung nicht ganz so superschnell fallen kann ist wohl klar….!;-) …- aber hier im Blog liest es sich halt so schnell…;-)
        Ich finde es sehr gut, dass du einfach Vertrauen in die Situation und das Leben setzt! Ich glaube das ist da einzig Richtige!
        Selbst bin ich gerade auch vor der Entscheidung meine Stelle, zu der ich Ende August zurückkehren könnte, zu kündigen…..
        Dem Bauchgefühl nach werde ich das wohl auch machen, denn irgendwie könnte ich es mir nicht recht vorstellen, wie alles zu managen wäre (-auch wenn ich vergleichsweise in einer viel privilegierteren Situation wäre mit halb so langem Arbeitsweg und Großeltern in der Nähe…- aber immerzu sind die eben auch nicht verfügbar…!)
        Nochmals einen guten Start in die neue Zeit und alles Liebe aus Österreich 🙂
        Ich freue mich immer sehr hier zu lesen!:)
        Herzlich Katrin

  4. Hier winkt eine andere Mama aus den 50ern… Die dir auch noch auf deine Email antworten will. Ich hatte arbeiten wollen, aber nicht um den Preis, dass mein Kind sich in der Betreuung überhaupt nicht wohlfühlt. So bin ich jetzt ein zweites Jahr zuhause, und es sind auch hier einige Tränen geflossen und es gab Wut und Verzweiflung. Gleichzeitig genauso eine Erleichterung und Dankbarkeit, weil das so das Beste für unser Kind ist. Ein bisschen kommt es aber darauf an, wie man als Paar untereinander Wertschätzung für empfindet und ob mein gemeinsam diese Situation trägt und sich unterstützt. Mein Mann sieht es nicht als selbstverständlich, was ich mache und das fühlt sich gut an. Es ist auch okay, dass ich nicht so ordentlich und so putzfreudig bin – wäre das anders, würde ich mich vermutlich wie in den 50er fühlen und gefrustet sein.
    Gleichzeitig würde ich mir aber gesellschaftlich andere Möglichkeiten wünschen: Aufgrund unseres Gehaltsgefälle geht er arbetien und ich bin komplett zuhause. Wir hätten aber auch kein Problem, beide 50/50 zu arbeiten und das im Moment zu teilen. Oder andere flexible Varianten, ohne externe Kinderbetreuung.
    LG Nanne

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