Zu Hause bleiben – ja oder nein?

“Das mache ich normalerweise nicht” sagt S.. Ich sehe sie fragend an, verstehe nicht, was sie meint. Miss Bee drängt seit Tagen darauf, mit der Nanny zu sprechen. “S. bleibt nicht bei Little M, wenn sie einschläft, Mama. Sie geht nicht hin, wenn Little M weint.” Ein grosses Herz hat meine Kleine, mit ihren 4 1/2 Jahren. Sie weiß auch genau, dass ich nichts davon halte, Kinder alleine weinen zu lassen. “Normalerweise schaukele ich Kinder nicht in den Schlaf. Aber ich halte Little M, weil ich weiß, dass du es so willst. Gestern hat sie garnicht geschlafen. Miss Bee erzählt nur die halbe Geschichte.”, sagt S.

Wieder ein Gespräch zwischen Tür und Angel. Ein Blick auf die Küchenuhr, ich muss los. Ein weiterer Blick zu Little M, tränenüberströmt, sie beginnt immer zu weinen, wenn S. zur Tür herein kommt. Sie beruhigt sie wieder. Ein dritter Blick zu Miss Bee; die halbe Geschichte ist die, die in ihren Augen wahr ist. Ich glaube der halben Geschichte eines Menschen, den ich kenne und liebe. Dann wieder die Nanny. Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich nicht da bin. Ein weiterer Tropfen im Fass, oder einer, der den Stein höhlt. Jeden Morgen der gleiche Zweifel: Ist es die richtige Entscheidung, für meinen Job aus dem Haus zu gehen?

Immer ein Auge auf der Uhr

Seit drei Monaten bin ich zurück im Job. Meine Elternzeit – 52 Wochen – habe ich bis zum letzten Moment ausgereizt. Seitdem fühle ich mich wie ein Jongleur, der einen Ball zu viel in der Luft zu halten versucht, mühevoll und atemlos. An meinen Arbeitstagen schaue ich ständig auf die Uhr: Morgens auf die in der Küche – kommt sie heute pünktlich, so dass ich zu einer annehmbaren Zeit an meinem Schreibtisch sitzen kann? Auf die orangefarbenen Anzeige im Bus, wenn er zu lange an der Ampel steht. Auf die Ziffern in der unteren rechten Ecke meines PCs, ab etwa 15h, um ja nicht den richtigen Zeitpunkt zu verpassen, aber auch nicht zu früh zu gehen, den eingebildet fragenden Blick meiner Vorgesetzten. Aufs Handy, in der Tube, eingezwängt, wenn die Durchsage kommt, dass wir auf einen Bahnsteig an der nächsten Station warten.

Eingezwängt, im Banalsten. Mir schießen Tränen in die Augen, als die Erzieherin mir sagt, die Kinder sollen ausgeblasene Eier mitbringen. Ein weiteres Extra, ich hoffe, ich vergesse es nicht, bevor ich dazu komme, es auf die To Do Liste zu schreiben. Manche von Euch lachen vielleicht. Dabei geht es vielen Müttern so. Vielleicht ist es nicht Überlegung, weiße Eier zu besorgen, dann zu googeln, wie man die mit einem Kleinkind am Bein ausbläst, heil zum Kindergarten transportiert und wo man dann damit bleibt, wenn man das Kunstwerk wieder im Haus hat. Bei einer Freundin war’s der „Cake Sale“, bei einer anderen die Hausschuhe, die im Kindergarten verschwanden.

Ich verbringen meine Arbeitstage mit dem Blick auf die Uhr, weil mein Gehalt so schon nicht ausreicht, um die Kinderbetreuungskosten zu denken, geschweige denn, mehr Stunden oder Verspätungen zu bezahlen. Wenn irgendein Schlauberger jetzt vorschlägt, doch einfach eine günstigere Betreuung zu finden, lade ich den gern mal zum Realitätscheck beim Afternoon Tea ins Land der teuersten Kinderbetreuung der Welt ein. Das Vertrauen in die Qualität dieser Betreuung fehlt mir trotzdem, auch die Kraft, die Nanny von meiner Erziehungsphilosophie zu überzeugen.

Women have always belonged in the working class

Meine Geschichte ist nicht einzigartig. Frauen gehörten immer schon zur arbeitenden Klasse, zitiert Brigid Schulte in Overwhelmed: How to Work, Love and Play When No One Has the Time einen Wissenschaftler, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann. Frauen spielen nicht, Freizeit ist historisch was für Männer. Männer machen Siesta, Frauen räumen die Küche auf. 20 Prozent aller Mütter mit Kindern unter 18 Jahren könnten sofort eine Kur beantragen. Mein Körper hat sich weniger gründlich von der Chemotherapie erholt, als ich dachte. Meine eingeschränkte Energie hilft nicht, die derzeitige Position, nicht nur meine, sondern die von Frauen generell, positiv zu sehen.

An jedem Arbeitstag verbringe ich 3 Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln. Oft vermisse ich in dieser Zeit Little M oder denke an ihre morgendlichen Tränen. Trotzdem habe ich ausreichend Zeit, um darüber nachzudenken, ob wir das eigentlich wollen, diese Atemlosigkeit, dieses Leben, in dem die Bitte um ausgeblasene Eier schon zu viel scheint. Wir, als Familie, und wir, als Gesellschaft. Für uns, als Familie, kann es auch anders gehen. Was, wenn ich mich entscheide, eines Morgens nicht mehr aus dem Haus zu gehen?

 

 

P.S. Mir ist klar, dass ich als weiße Frau aus der Mittelklasse in einer Industrienation aus einer sehr privilegierten Position heraus schreibe. Natürlich weiß ich auch, dass es Frauen gibt, die noch viel mehr stemmen (müssen) als ich. Meine Hochachtung.

12 Kommentare

  1. Susanne

    Liebe Daija, mir kommen fast die Tränen, wenn ich lese, was du da alles stemmst. Und wenn ich daran denke, was du alles mit deiner Krankheit durchlitten hast, dann finde ich sogar, dass du da im Moment fast unmenschliches leistest. Du musst dich sehr zerrissen fühlen. Klar lebe ich nicht dein Leben und möchte dir nicht zu nahe treten. Aber ich würde dir von Herzen wünschen, dass du es entspannter haben darfst und dir im Alltag viel Zeit zum regenerieren und zum Zusammensein mit deinen Lieben bleibt. Die Zeit vergeht so rasend schnell und mit unserem permanenten Gehetze vergeht sie nochmal so schnell, oder nicht? Ich wünsche dir von Herzen alles Liebe und viel Kraft!
    Liebe Grüße
    Susanne

    • Liebe Susanne,

      vielen Dank für Deine mitfühlenden und ermutigenden Worte. Sie tun mir sehr gut!

      Liebe Grüße
      Daija

  2. Liebe daija, wenn du ehrlich bist, gibst du dir die antwort ja schon selbst. Unter solchen umständen kann man nicht so arbeiten, dass das positive überwiegt. Und das sage ich nicht, weil ich finde, dass eine mama die ersten jahre zu ihrem kind gehört. Ich selbst bin nach der geburt meiner kinder nach 3 bzw. 8 monaten wieder arbeiten gegangen. Aber da wusste ich sie 100%ig in guten händen. Wenn ihr das geld nicht ganz unbedingt braucht oder ihr euch halt in nächster zeit ein bisschen einschränken könnt, dann gönn dir doch noch ein bisschen zeit mit deiner kleinen und vor allem erholung nach dem anstrengenden jahr! Dein alltag klingt unmenschlich stressig… Alles liebe!

    • Liebe Sonja

      vielen Dank für Deine ehrlichen Worte – sie unterstützen mich vor allem, weil Du nicht kategorisch sagst, dass das Kind in den ersten drei Jahren zur Mama gehört (ich finde ja, dass bei einer solchen pauschalen Aussage nur das Kindeswohl eine Rolle spielt, während ich denke, dass das Familienwohl im Mittelpunkt stehen sollte). Du hast recht, ich kenne die Antwort – aber erst wirklich, seitdem ich diesen Beitrag geschrieben habe. Ich habe eine Weile gebraucht um zu diesem Punkt zu kommen.

      Ganz herzliche Grüße – und vielen Dank, dass Du hier schon so lange mitliest!

  3. Gloria

    Ich mag nicht vermessen sein und glauben, zu wissen wie Du Dich fühlst. Die Situation ist hier ähnlich, ständig zerrissen zwischen der absolut notwendigen Arbeit, weil Alleinverdienerin mit 4 Kindern und eben diesen 4 Kindern.
    Das Gefühl, nicht genug für sie da zu sein. Die Arbeit immer irgendwie „schnell schaffen“.
    Erschöpfung durch die totale Überforderung, weil allein auf allen Ebenen.
    Mein Körper zeigt mir gerade sehr deutlich, dass es so nicht weiter geht.
    Nur die Lösung finde ich auch nicht. Immerhin, wir sind nicht allein. Das ist schon mal ein Anfang.
    Alles Liebe Dir und deiner Familie!

    • Liebe Gloria

      Puh. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, mit vier Kindern allein zu sein, und ziehe meinen Hut vor Dir.

      Ich wünsche Dir viel Kraft und alles Gute
      Daija

  4. Liebe Daija,
    Du gibst Dir die Antwort am Ende selbst und ich finde es sowas von verständlich !
    Das ist es nicht wert. So gar nicht.
    Und es gibt letztlich immer Alternativen.
    Ganz lieben Gruß
    Lena

    • Liebe Lena

      ja, ich gebe mir die Antwort am Ende selbst. Mir hat es aber geholfen, meine Gedanken in diesem Beitrag noch einmal zusammen zu fassen, und zur letztendlichen Entscheidung bin ich glaube ich erst während des Schreibens gekommen.
      Ich habe ein bisschen in Deine Geschichte herein gelesen, spannend und toll, was Du daraus für Dich gemacht hast.

      Liebe Grüße
      Daija

      • Liebe Daija,
        es ist letztlich immer eine Entwicklung und ein Prozess und dann können wir immer nur nach dem entscheiden, was sich am Stimmigsten anfühlt.
        Ich wünsche Dir alles Gute für Euren weiteren Weg.
        Lieben Gruß
        Lena

  5. Liebe Daija,

    ich möchte dich einfach mal ganz fest und voller Liebe unbekannterweise aus der Ferne umarmen! <3

    Alles Liebe für dich und deine Familie,
    Mama Magie 🙂

  6. Beate Marotzke

    Ich sitze hier und weine während Ich das lese. Meine beiden Töchter sind 21 und 23 Jahre alt und die Zeit ist so schnell vergangen!
    Ich konnte Hausfrau und Mutter sein, was nicht jedem vergönnt ist und auch nicht jeder möchte. Ich fand es sehr schön, soviel Zeit mit den Kindern verbringen zu können.
    Dein Bericht zerreißt mir das Herz und Ich bitte dich, wenn es irgendwie finanziell geht, bleib doch mehr mit den Kleinen zusammen.
    Wenn es nicht möglich ist, hast Du mein absolutes Mitgefühl für diesen inneren Kampf, den Du jeden Tag durchstehst
    Alles Liebe und weiterhin Kraft für dich
    Liebe Grüße Beate aus Berlin

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