Im Kleiderschrank mit Marie Kondo

"Wie viel Paar braune Stiefel brauchst Du eigentlich?" fragt der Mann. "Drei" antworte ich.

Wann immer ich etwas vor Miss Bee in Sicherheit bringen will, werfe ich es in den Kleiderschrank, auf das Regalbrett unter der Kleiderstange. Hier sind Dinge (noch) sicher vor ihr, hinter der einzigen Tür im ganzen Haus, die sie nicht allein auf machen kann. Das ist der Vorteil dieser Methode. Der Nachteil ist, dass meine Kleider sondern in der Regel nicht hängen auf ein Haufen aus musikalischen Geburtstagskarten, dem Fön, halb eingepackten Geschenken, Kugelschreibern und Lippenpflegestiften liegen – trotz regelmaessiger Aufräumaktionen.

Aufräumen nach Kategorien, nicht zimmerweise
Ob Marie Kondo mir helfen kann? Die Autorin des Buches Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert meint, dass eine einmalige Entrümpelungsaktion ausreicht um mich zu einem besseren ordentlichen Menschen zu machen. Mit der Kleidung fange ich an, Bücher, Papiere und Kleinkram werden folgen. Am Schluss werden Erinnerungsstücke aussortiert. Marie Kondo argumentiert, dass es uns bei Klamotten vergleichsweise leicht fällt, uns zu trennen. Die emotionale Bindung ist nicht so hoch ist wie beispielsweise bei Erinnerungsstücken. Sie sind vergleichsweise leicht ersetzbar. Im Laufe des Entrümpelns schulen wir unsere Entscheidungsfähigkeit, so dass es uns am Ende des Prozesses, wenn alte Fotos und Liebesbriefe dran sind, leichter fällt zu erkennen, was wirklich unser Herz berührt. Denn darum geht es ihr: Es dürfen nur die Dinge bleiben, die mich glücklich machen.

Am vergangenen Wochenende leerte ich also meine Schrankfächer und brachte Mäntel und Schuhe aus dem Flur in unser Schlafzimmer. In Kategorien, nicht nach Zimmern, aufzuräumen bedeutet auch, die Dinge aus allen Ecken und Enden hervor zu holen. Glücklicherweise sind es in diesem Fall nur zwei, plus zwei Paar Schuhe in der Schublade unter dem Bett. Marie Kondo empfiehlt, Unterkategorien zu bilden – Oberteile, Röcke, Hosen, Kleider, Schuhe etc. Die Gunst der Stunde(n) ohne Kleinkind im Haus nutzend entschloss ich mich, alles in einem Rutsch zu erledigen. Schließlich hatte ich ja nach drei Runden Projekt333 ohnehin nicht mehr viel im Kleiderschrank.

Dachte ich.

Aufräumen als Lernprozess
Als ich am Ende der Aktion vor drei grossen Säcken für den Charity Shop* stand war ich ehrlich überascht. Im Laufe des letzten Jahres habe ich – gefühlt – viel Kleidung aussortiert, mal hier und mal dort ein T-Shirt, beim Zusammenstellen meiner minimalistischen Gardrobe auch mal eine Einkaufstüte mit Hosen, die noch nie richtig passten und Blusen, die schon bessere Zeiten gesehen hatten.

Warum gab es dann doch noch so viele Dinge im Kleiderschrank, die ich jetzt auf einmal loslassen konnte? Marie Kondo schreibt, dass wir auf zwei Arten entscheiden können, aus dem Bauch heraus oder rational. Intuitiv wissen wir in der Regel, ob uns ein Gegenstand Freude bereitet oder nicht. Beim Aufräumen steht uns der Kopf oft im Weg. Wir finden einen Grund, aus dem wir Dinge nicht wegwerfen können – weil sie teuer waren, ein Geschenk, noch bei der Gartenarbeit oder im Haus aufgetragen werden können und so weiter. Dir ein Kleidungsstück im Schrank anzusehen und zu überlegen ob Du es im letzten Jahr angezogen hast oder noch brauchst bringt nicht viel, meint Kondo.

Das Bauchgefühl und die Funktion von Kleidungsstücken
Am Anfang kam ich mir albern dabei vor, jedes Kleidungsstück in die Hand zu nehmen und zu fragen, ob es mich glücklich macht. Tatsächlich hilft die Frage aber, dem Gegenstand wirklich auf den Grund zu gehen. Ich fragte bei Kleidungsstücken, bei denen mein Gefühl unsicher war, wie sie in mein Leben kamen. Warum ich sie selten oder nie trage. Warum ich sie noch habe. Dann merkte ich, dass es einen fühlbaren Unterschied gibt zwischen den Kleidungsstücken, die ich am Liebsten sofort anziehen will und dem Leinenkleid, dass ich mir von meinem ersten Gehalt in der Ausbildung gekauft und nie getragen habe, weil ich es nach der ersten Euphorie doch zu kurz und zu eng fand.

Weiterhin halfen mir Marie Kondos Gedanken zur Funktion von Kleidungsstücken. Nicht alle Kleidungsstücke kommen zu uns, damit wir sie tragen bis sie auseinander fallen. Manche Dinge verleihen uns beim Kauf ein gutes Gefühl – das Leinenkleid zum Beispiel. Andere helfen uns, unsere Vorlieben besser zu verstehen oder unseren Stil zu finden – meinen schwarzen Oberteilen dankte ich dafür, dass sie mir (besser spät als nie) zeigten, dass schwarz mir nicht steht, und lasse sie gehen. Es bringt nichts, diese Dinge mit schlechtem Gewissen aufzubewahren – ich gebe sie weg und hoffe, dass sie von einer neuen Besitzerin geliebt werden.

Als mein Kopf begann vorzuschlagen, ich könne dieses oder jenes „noch auftragen“, bat ich am Abend Mr Handsome bei den frag-würdigen Kleidungsstücken um Hilfe. Er ist stilsicher und rigoroser als ich, wenn es darum geht zu beurteilen, ob ein Teil abgetragen ist. Ich hätte es sicher auch allein gekonnt, so ging es aber schneller. Auf den verbleibenden Stapeln fanden sich nun verhältnismäßig viele Schuhe und Kleider und unverhältnismäßig wenige Oberteile. Ich bin gespannt, wie es sich mit dieser reduzierten Garderobe lebt.

Mein Fazit:
Hilft die Methode beim Kleidung ausmisten? Definitiv.

Insgesamt habe ich etwa ein Drittel meiner Garderobe aussortiert und in den Charity Shop gebracht. Am nächsten Tag, um zu verhindern, dass ich die Säcke plündere – ich habe mal von einer entfernten Bekannten gehört, die das immer macht 😉
Habe ich jetzt nur noch Kleidungsstücke, die ich liebe? Nein. Den meisten meiner Socken stehe ich relativ neutral gegenüber; sie sind nun allerdings Marie Kondo-mäßig zusammengefaltet. Das schlechte Gewissen ungetragener Kleidung, Fehlkäufen und unpassenden Ambitionen ist aber mit den drei Säcken aus dem Kleiderschrank hinausgewandert.

Unter der Kleiderstange bewahre ich nun versuchsweise Taschen und Gürtel auf. Sie lassen die anderen Kleider hängen und verhindern in Zukunft – hoffentlich – das Chaos.

Wie haltet Ihr Ordnung im Kleiderschrank? Mit ausgefeiltem System oder mit minimalistischer Übersichtlichkeit? Seid Ihr mit Euren Kleidern zufrieden – und wenn ja, wie seid Ihr dorthin gekommen?

*Marie Kondo wirft alles in den Müll. Das finde ich befremdlich, ist aber glaube ich, kulturell bedingt. Second-Hand-Kleider sorgen in Asien eher für Naserümpfen, sagt Christina Dean in diesem Interview zu ihrem Experiment, sich nur noch aus dem Müll einzukleiden.

Alle Beiträge zur KonMari Methode

6 Kommentare

  1. Frau Kondo hält ja jeden Tag Ordnung. das muss man dann auf die 1-2 Stunden pro Jahr schon dazu rechnen, finde ich. Wie mache ich das? Mit Zahlen. Ich weiß, dass mir 3 Jeans und 3 Jogginghosen reichen. 5 Jacken und das Top 8 mal gleich und das Sweat-Shirt 8 mal gleich. Ich halte die Sachen 2 mal pro Jahr gegen das Licht und sortiere sie aus, wenn kein Stoff mehr dran ist. Dauert auch nur eine Stunde mit Schrank auswaschen. Spaß macht es mir trotzdem nicht. Ich mag schwarz. 1 Tasche, 1 Rucksack. Ich versuche es also immer mit Zahlen und dann das für mich beste zu haben. 40 cm breiter Spintschrank. Wichtig sind mir viele Fächer. Ich will meine Lebenszeit nicht damit verbringen, Klamotten anzuziehen, die ich nicht gerne trage. Deshalb hab ich so einen Stapel nicht mehr. Ich hab alles hintereinander angezogen und dann weggegeben, was ich nicht tragen will. Ein neuer Stapel entwickelt sich seitdem nicht mehr.

    • Eine Uniform, das finde ich toll. Sieht immer gut aus und spart viel Zeit und Nerven.
      „Ich will meine Lebenszeit nicht damit verbringen, Klamotten anzuziehen, die ich nicht gerne trage.“
      Ja, ja, und ja. Das möchte ich auch sagen können. Ich lerne durch diesen Prozess gerade sehr viel über mich – oder vielleicht macht es langsam „klick“. Kommentare wie Deiner helfen mir wirklich weiter – Danke!

  2. Ui, das ist spannend! Interessant finde ich, wie viele Sachen du noch aussortiert hast.
    Kleidung – schwieriges Thema, obwohl ich für eine Frau vermutlich noch verhältnismäßig wenig Kleidung besitze. Ich habe bisher Project 333 nicht mitgemacht, aber im November alles Sommersachen (vor allem leichte Hosen und zwei Hauskleider), in ein Regalfach geräumt, so dass ich sie nicht jeden Tag sehe.

    Lieblingskleidung – mmh, schwierige Sache: Ich liebe Strickjacken und suche momentan ein oder zwei Lieblingsstücke. Das was ich gerne hätte, gibt es aber scheinbar nirgendwo… Von daher trage ich meine alten Jacken weiter auf, aber richtig mögen tue ich sie nicht mehr.

    Hast du deine T-Shirts jetzt durch blau ersetzt?
    Mich würde ein Foto von deinen nach Marie Kondo gefallteten Socken interessieren :o)
    Liebe Grüße
    Nanne

    P.S.
    Mein Beitrag ist jetzt online zu Marie Kondo.

    • Liebe Nanne,
      ich lerne noch einmal sehr viel. Marie Kondo’s Ansatz, nur zu behalten, was man liebt, hilft mir sehr. Langsam verändert sich meine Einstellung von „Ja nix verschwenden, das kann ich noch irgednwo auftragen“ hin zu mehr Selbstfürsorge.
      Nichts Adequates finden – das kenne ich gut. Es ist einfach, billigen Ramsch zu kaufen und schwer, genau das zu finden, was man braucht und möchte.
      Zu Schwarz: Ich habe ein paar schöne Teile in anderen Farben im Charity Shop gefunden. Jetzt will ich erst einmal wissen, wie es sich mit „weniger“ lebt. Ich habe ja nach wie vor genug Klamotten.
      Ein Foto schicke ich Dir 🙂
      Lieben Gruss
      Dina

  3. Ui ui das hört sich ja vielversprechend an. Ich hab einmal den Kasten ausgemistet und seitdem trau ich mich nicht mehr drüber, damals hab ich 3 wirklich große Säcke zum Flohmarkt gegeben und noch am Weg hin, wieder was rausgenommen. außerdem herrscht auch hier so ein bisschen die alles mal hier rein Mentalität, was „kasten aussortieren“ für mich zum abschreckenden Projekt macht 😉 Mal sehen Karen Kingston empfiehlt eine Farbberatung zu machen und gleich mal alles wegzugeben, was nicht passt. Die hätte ich jetzt schonmal gemacht, vor dem aussortieren drück ich mich noch…

    Liebe Grüße,

    Birgit

    • Ich kann’s nur empfehlen. Bisher war ich diszipliniert und werfe nun nichts mehr einfach in den Kleiderschrank. Mal sehen, wie lange das anhält.
      Eine Farbberatung zu machen finde ich eine gute Idee; ich habe alles rausgeworfen, was mir nicht steht. Ab und an greife ich beim Kauf trotzdem noch daneben, aber immerhin immer seltener.
      Meine Einstellung musste sich erst ändern. Tanja hat es toll ausgedrückt: „Ich will meine Lebenszeit nicht damit verbringen, Klamotten anzuziehen, die ich nicht gerne trage.“ Diese Einstellung möchte ich mir auch gönnen.
      Lieben Gruss
      Dina

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