Rabenmutter – oder einfach nur Mensch und Mutter?

Die Idee dahinter ist gut: Wir schreiben über das, was mit den Kindern nicht so läuft, wie wir oder die Kinder oder “die Gesellschaft” sich das vorstellen. Wer Rabenmutter ist, kann sich nun anonym (naja, bloggend) als solche outen, und darüber schreiben, was sie mit den lieben Kleinen alles verbockt.

Ist (ironische) Selbstbeschimpfung was Gutes?

Birgit, die die Blogparade ins Leben gerufen hat, schreibt auf ihrem Blog Muttis Nähkästchen häufiger mal darüber, was nicht rund läuft. Das gefällt mir. Ich finde, wir sollten das alle viel häufiger tun. Und ihr Beitrag hat ein Augenzwinkern. Trotzdem bereitet mir der Begriff Bauchschmerzen. Und ich möchte mich, trotz aller meiner “Fehler” nicht als Rabenmutter bezeichnen.

“Rabenmutter” ist ein Schimpfwort, dass eine Mutter herabwürdigt, die ihre Kinder aus Sicht des Sprechers vernachlässigt. Bei einer kurzen Recherche zu den, was heute so unter Rabenmutter läuft, finde ich Frauen, die sich als solche bezeichnen/ fragen, ob sie eine solche sind, weil sie:

  • gern außer Haus arbeiten
  • zur Spielgruppe gehen, um in Ruhe einen Kaffee zu trinken (und nicht, um mit den Kindern zu spielen)
  • manchmal laut werden
  • früh/spät mit der Beikosteinführung beginnen
  • nicht (lange genug) stillen (können) oder zu lange stillen
  • zugeben, auch gern mal allein zu sein.

Ehrlich gesagt wäre mir bei diesen Sachen nicht im Traum eingefallen, irgendeine Art von Böswilligkeit (=Rabenmutterschaft) zu unterstellen. in jedem Fall geht es ja darum, das jeweils Beste für die Familie zu wollen (finanzielle Absicherung, Vorbildfunktion, Kraft schöpfen für das alltägliche Leben mit Kindern, Sorge um das körperliche Wohlbefinden des Kindes usw.)

Stellt Dir mal vor, Du erzählst einer Nicht-Mutter, dass Du gern allein auf’s Klo gehst. Meinst Du wirklich, er/ sie schlägt sich die Hände an die Wangen und sagt, “Ohgottohgott, das kannst du doch nicht machen, das aaaarmmee Kind. So ganz einsam und allein, beim Papa. Rabenmutter!”? 

Richter, falsch und Social Media

Wenn wir sagen, dass wir es mit den Kindern ‘falsch‘ machen, bedeutet das ja auch, dass es ein ‘richtig’ gibt. Elternschaft ist aber in dieser Hinsicht ein Minenfeld, oder, positive ausgedrückt, eine Spielwiese, auf der die gleichen Dinge richtig oder falsch sind – Stilldauer, Familienbett, Drohen und Strafen, sogar Quinoa. Klar, wir haben wohl alle bestimmte Ansichten, die wir selbst für richtig halten, aber in der Vielfalt ist nicht jeder Glaubenssatz in Stein gemeißelt, auch für uns selbst nicht. (Ich persönlich finde diese Vielfalt ja toll).

Social Media macht uns glauben, in anderen Familien würde wahlweise jeden Sonntag frischer Kuchen gebacken oder komplett auf Zucker verzichtet. Andere Kinder spielten immer nur mit hochwertigem Holzspielzeug, während Mama den Quinoa-Süsskartoffel-Auflauf macht. Oder, weil Letzteres ja nicht regional ist, Möhren-Pastinaken-Suppe mit Kürbiskernen. Alle sehen immer aus wie frisch aus dem Ei gepellt, oder, nach einem pädagogisch wertvollen Ausflug in den Wald, dezent verschmiert mit Matschhose.

Die Realität sieht anders aus

Klar, das beeinflusst mich auch. Mich selbst sehe ich ungewaschen ungeschminkt Fischstäbchen bratend, während Miss Bee zu nah am Tablet sitzt und Little M vom auf dem Fussboden ein Stückchen trockenes Brot isst. Deswegen brauchen wir Realitätschecks. Manchen hilft es vielleicht zu lesen, was andere Mütter an sich kritisch sehen. Anderen vielleicht ein Besuch in einem drittklassigen Einkaufszentrum, mit einem Ein-Euro-Shop und einer amerikanischen Fast-Food-Kette. Einfach mal hören, wir der Umgangston so ist in der Welt. Als Besitzerin eines analogen Handys kann ich auch empfehlen, in der Supermarktkasse einfach mal zu beobachten, statt durch Instagram zu scrollen. Da sieht man nämlich Schläge auf die Kinderfinger, oder hört harsche Zurechtweisungen. Das ist nichts mit selbst gebackenem zuckerfreiem Apfelkuchen.

Das Ding ist: ich habe selbst eine sehr kritische innere Stimme. Ich habe idealisierte Vorstellungen davon, wie ich als Mutter sein will. Ich weiss aber auch, dass ich auf hohem Niveau selbst kasteie. Denn hier geht’s meist darum, dass die Kinder zu oft Pasta und Fischstäbchen essen, 20 Minuten zu lange vor dem Tablet saßen oder konventionellen Hustensaft statt selbst gekochten Zwiebelaufguss bekommen. Und ums Schreien, klar. Meine Strategien funktionieren eben nicht immer.

Aber Rabenmutter?

All das macht mich aber nicht zur Rabenmutter. Als Mütter müssen wir ständig abwägen zwischen unseren Bedürfnissen, Wünschen, Vorstellungen und Träumen und den „Mutterpflichten“ – den Bedürfnissen unseres Kindes. Eines ist ja nicht naturgegeben wichtiger als das andere, auch, wenn wir natürlich die körperliche Unversehrtheit des Kindes sicher stellen müssen.

Dieses Abwägen bestimmt unseren Alltag. Wenn ich mein Umfeld beobachte, oder auch Blogs lese, merke ich, dass es manchen Frauen leichter fällt, die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen, wenn es um die Kinder geht. Das ist eine Beobachtung, kein Kompliment. Macht manche Mütter nicht besser als Andere. Nur anders. Und schon gar nicht zu Rabenmüttern.

Es sind die Begrifflichkeiten, die mir Bauchschmerzen bereiten. Bemerkungen zu ÜberMamas und Rabenmütter finde ich immer fehl am Platz. Das möchte ich auf Selbstgespräche erweitern. Auch auf die mit Augenzwinkern. Weil ich fürchte, dass sie uns trotzdem beeinflussen.

Wenn Mamas schreiben: „Ich bin vor anderthalb Jahren mal in bisschen lauter geworden, ich bin so eine schlechte Mutter.“ oder: „Ich Rabenmutter habe die Kinder neulich mal 15 Minuten Teletubbies schauen lassen.“ setzen sie unrealistische Standards, statt Unperfektheit einen Platz in der Debatte zu geben. Wer gern mal alleine duscht ist keine Rabenmutter, sondern ein Mensch. Wer sein Kleinkind dagegen 13 Minuten lang allein in der Badewanne lässt, um im Wohnzimmer mit ‘ner Freundin einen Kaffee zu trinken, während der Partner auf dem Balkon eine Zigarette raucht, wird eingesperrt, wenn das Kind ertrinkt. Da braucht man natürlich über Rabenelternschaft nicht mehr zu streiten.

Was denkst Du über den Begriff Rabenmutter? Bin ich eine humorlose olle Trulla, weil er mir nicht passt? Oder können wir anders über Unperfektheit reden? 

4 Kommentare

  1. Katrin

    …frei nach Rogge….“Raben sind die besseren Eltern“!;-)
    Leider kann ich grad nicht länger schreiben, aber dein Beitrag ist super und du triffst es auf den Punkt!
    Ganz Liebe Grüße
    Katrin

  2. Raben sollen übrigens sehr liebevolle Eltern sein. Aber Spaß beiseite, ich finde auch, dass der Begriff oft nicht angebracht ist. Was soll falsch daran sein, wenn man als Mutter auch mal Zeit für sich braucht oder gerne auf Arbeit geht? Wenn ich das kann, dann bin ich die restliche Zeit viel entspannter, was auch meinen Kindern wieder nützt. Und hat schon mal jemand explizit von Rabenvätern gesprochen? Na also!
    Liebe Grüße
    Marlene

    • Vielen Danke für Deinen Kommentar, Marlene.
      Ich überlegte auch, etwas zur Elternschaft bei Raben zu schreiben, aber meine Beiträge werden ja häufig ‚zu lang‘, daher habe ich darauf verzichtet.
      Herzliche Grüsse
      Daija

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