Über Verbindung und Vernetzung

Wir haben einen schönen Sommer hinter uns. Nach meiner Kündigung habe ich viel Zeit mit den Kindern verbracht, gelesen, geschlafen, geträumt, und an unserem sozialen Netz im Hier und Jetzt gewebt. Vor allem an meinem Eigenen, abseits der Schultore, mit Menschen, die in anderen Lebenssituationen sind als ich (sprich: keine Kleinkinder haben). Die Zeit ist schnell vergangen. Jetzt sind bereits die Herbstferien vorbei.

Manege frei gegen die Langeweile

Offline zu sein hat mir gut getan. Social Media und Blogs sind toll und inspirierend. Doch merke ich immer wieder, dass mir Zeit und Energie für andere Dinge fehlten, zuvorderst menschliche Beziehungen im Hier und Jetzt. Für soziales Engagement. Für Ruhe und Erholung. Gleichzeitig ich des des Internetzirkus’ auch ein bisschen überdrüssig. Dem, in dem es um Likes, Shares und Kooperationen geht. In dem Trends ausgerufen und Sauen durchs virtuelle Dorf gejagt werden. In dem es zwar ziemlich unterhaltsam zugeht, in dem ich aber immer wieder in meiner eigener Filterblase feststecke und in dem ich authentischen Stimmen, nachdenkliche oder unausgegorene Artikel weder oft finde noch selbst schreiben kann.

Manchmal ist dieser Blogzirkus auch eine willkommene Ablenkung: Im Hier und Jetzt zu sein ist nicht einfach. Lange Tage mit Kindern bedeutet ja auch Langeweile. Langeweile, die wir dank des Internets, immer und überall, kaum noch aushalten müssen. Mit dem Smartphone sind wir immer nur einen Klick vom nächsten Dopaminkick entfernt. Kurzfristig gibt eine neues “Gefällt mir” mir etwas, das mir die Marmeladen-verschmierte Hand auf meiner Schulter oder das zehnte Mal “Ich bin die kleine Katze” vorlesen nicht gibt.

Beziehung statt Vernetzung

Langfristig möchte und brauche ich aber die Beziehungen in realen Leben, mit meiner Familie, meinen Freunden, meinen Nachbarn. Ich quäle mich durch manches Mama-Babv-Rollenspiel, um meine Beziehung mit Miss Bee zu pflegen. Durch die unbehaglichen Momente der Stille mit einer neuen Bekannten auf dem Weg zu einer Veranstaltung, weil sie vielleicht eine Freundin wird, wenn wir uns sympathisch sind. Trotz Müdigkeit zu einer Meditationsgruppe, um zu einer Gemeinschaft beizutragen, die sich im Aufbau befindet. All das braucht Zeit und Energie, die für andere Dinge nicht bleiben.

Immer wieder stelle ich mir die Frage, wie andere BloggerInnen das wohl machen, also Bloggen, Alltag, Beziehungspflege und ggf Erwerbsarbeit zu schaffen. Auf Twitter gab es einen Erfahrungsaustausch darüber, wann (selbstständige) Mütter arbeiten. Nachts vor allem hieß es, hier und da, wenn die Kinder es mal zu lassen, in fünf Minuten-Bissen. Die Perfektionistin in mir findet das bewundernswert, die Realistin weiß, dass das für mein Leben nicht, nicht mehr, funktioniert. Seit meiner Erkrankung im letzten Jahr gibt es immer wieder Phasen intensiver Erschöpfung, sodass ich mit meiner Energie haushalten muss. Ein anderer Teil, die Träumerin oder Rebellin vielleicht, will das auch gar nicht, alles schaffen. Superwoman, das können andere besser.

Und nun?

Vielleicht habe ich mich selbst zu sehr in ein thematisches Korsett gedrückt, in dem ich gleichzeitig meine eigenen Schwächen zu ernst nehme: Kann ich wirklich noch über Nachhaltigkeit bloggen, solange wir als Familie quietschvergnügt in der Weltgeschichte herum fliegen? Will ich Geschichten über das Leben mit meinen Kindern teilen, die ihre eigene Privatsphäre haben? Miss Bee besucht deutschsprachige Institutionen hier in London, da ist es nur eine Frage der Zeit bis Mit-Eltern und Mitschüler hier mitlesen, oder? Kann ich über das achtsame Leben mit Kindern schreiben, wenn ich selbst oft genug die Geduld verliere? Über das minimalistische Leben, wenn ich in unseren vier Wänden über gefühlte zwei Dutzend Jacken stolpere? Fragen stellen konnte ich immer schon besser als Antworten geben. Aber wollen die Leute nicht lieber „Die zehn besten/sechs grössten/drei schönsten XYZ“-Beitraege lesen?

Andererseits vermisse ich meine Lieblingsblogger ja auch, wenn sie nicht mehr schreiben. Maria hat vor einigen Tagen einen ganz wunderbaren Artikel zum Bloggen geschrieben. Vielleicht werde ich es so ähnlich handhaben wie sie?

1 Kommentare

  1. Liebe Daija!

    Du hättest mich sehen sollen, wie ich jetzt jedes Deiner Worte nickend gelesen habe. Wir sind da wirklich in einer sehr ähnlichen Situation, auch wenn meine Kinder schon außer Haus und älter sind. Aber es sind nur die Bedürfnisse, die sich ändern, Kinder brauche auf ihre Art immer Aufmerksamkeit und die will ich ihnen auch von ganzem Herzen geben.

    Gerade jetzt, wo ich wieder zu bloggen begonnen habe, entdecke ich die Verlockungen des Ablenkens wieder ganz stark. Im Sommer wurde ich teilweise sehr auf mich zurück geworfen. Musste mich auch dadurch sehr intensiv mit mir selbst auseinander setzen, nicht nur wegen dem Entrümpeln.

    Und das hat mich auch weiter gebracht. Wenn ich mich mit dem Bloggen immer abgelenkt hätte, wäre ich nicht so weit gekommen, hätte ich nicht so viel entdeckt. Es auch einmal zuzulassen, dass mir die Decke auf den Kopf fällt oder dass ich traurig bin.

    Fühle Dich innig umarmt, Du wirst sicher einen guten Weg für Dich finden. Du bist so ein reflexiver und sensibler Mensch, das wird Dir dabei helfen.

    Herzlichst,
    Maria

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